Sie sind hier

9. Verleihung des Wilhelm-Deist-Preises für Militärgeschichte 2014

Maximilian Fügen (Preisträger) und Dr. Kerstin v. Lingen (Vorstand)

Anlässlich der Jahrestagung 2014 des Arbeitskreises Militärgeschichte e. V. in Ingolstadt wurde am 19. September 2014 zum neunten Mal der Wilhelm-Deist-Preis für Militärgeschichte verliehen. Ausgezeichnet wurde Maximilian Fügen für eine 2014 an der Universität Augsburg eingereichte Bachelorarbeit mit dem Titel "Featherstone Park Camp: Eine Fallstudie zum britischen Reeducation-System für gefangene Offiziere des Zweiten Weltkrieges". Der Wilhelm-Deist-Preis ist mit € 500,00 dotiert.

Laudatio

Von den Bachelor-Arbeiten, die ich in den letzten drei Jahren im Rahmen des Wilhelm-Deist-Preises gelesen habe, fiel mir die Arbeit von Herrn Fügen als die beste, die ich bisher bewertet habe, sofort auf. Was diese Abschlussarbeit sofort auszeichnet ist wie der Verfasser es versteht ein Fallbeispiel in einen breiteren Kontext zu intergieren. Herr Fügen hat es geschafft dem Leser ein nuanciertes Verständnis des britischen Konzepts der Reeducation zu vermitteln und gleichzeitig im zweiten Teil seiner Abhandlung ein Fallbeispiel einzuarbeiten, das auf einer beeindruckenden Anzahl Primärquellen basiert. Befragungen von Zeitzeugen und Material aus privatem Besitz ergänzen seine Archivarbeit.

In letzter Zeit haben vor allem Sönke Neitzel und Felix Römer neue Ergebnisse aus ihrer Forschung zu den Abhörprotokollen der britischen und amerikanischen Verhörlager, die Aufsehen erregt haben, publiziert. Zweifelsohne sind ihre These spannend und haben die Forschung zur Kriegsgefangenschaft deutscher Offiziere neu belebt. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Drang kriegswichtige Informationen aus deutschen Soldaten durch geheimdienstlichen Methoden zu entlocken nicht die einzige Absicht im Rahmen der britischen und amerikanischen Gefangenenwesen war. Im Falle sowohl der Briten als auch der Amerikaner genoß das Konzept der „Re-education“ einen sehr hohen Stellenwert. Herr Fügen versteht es den Leser darauf aufmerksam zu machen, daß „Re-education“ nicht mit der häufig verwendeten deutschen Übersetzung „Umerziehung“ gleich gesetzt werden kann. Er zeigt auch sehr gute Kenntnisse der Literatur zum Thema, noch dazu unterstreicht er, wie manche Briten das Wort „Re-education“ ablehnten. Dabei differenziert er geschickt den wichtigen Unterschied zwischen dem Wort und dem Konzept der „Re-education“.

Herr Fügens Arbeit ist besonders zu loben, weil er die Entwicklung der „Re-education“ mit viel Fingerspitzengefühl erklärt. Er widersteht der Versuchung das Konzept sofort zu verdammen und erklärt die Motive der britischen Offiziere und Dienststellen, die den Wiederaufbau der Demokratie in Deutschland als Endziel hatten, die Rolle der zuständigen Institutionen, die Vorbereitungen des Programms, sowie die Umsetzung und Methoden der „Re-education“. Obwohl Untersuchungen der Briten zum Ergebnis geführt haben, dass nach dem Krieg nur 15-20% der deutschen Kriegsgefangnen durch die britische Re-education zum NS-Gegner geworden sind, setzt Fügen dies nicht sofort mit einem kompletten Scheitern der Maßnahmen gleich, da viele durch ihren Kontakten mit der britischen Bevölkerung ihrer Ansichten änderten.

Mit dieser intelligenten Kontextualisierung widmet der Verfasser den zweiten Teil seiner Arbeit einer Art Mikrogeschichte des Offizierslager Featherstone Park, das sich in der Grafschaft Northumberland in Nordengland befand. Als Offizierslager wurden deutsche Offiziere von Mitte 1944 bis Mai 1948 aus allen Teilstreitkräften der Wehrmacht, wie auch der Waffen-SS in Featherstone untergebracht. Alle Diensträngen vom Leutnant bis zum General waren vertreten. Das Verfahren des Screening ist von Fügen anhand seine Beweise zu Recht als Kontraproduktiv einzustufen. Nichtdesto trotz waren andere Aspekte der „Re-education“ wesentlich erfolgreicher, besonders die Vorlesungen und Seminare, die durch sowohl Gastdozenten als auch Gefangene abgehalten wurden. In seiner Bewertung weiterer Aspekte der Re-education Massnahmen, wie das Kulturprogramm, die Rolle der Lagerzeitung und die Kontakte mit der Zivilbevölkerung, greift der Verfasser auf einen imponiernde Anzahl an Primärquellen zurück.

Was vor allem Lukas Maximilian Fügens Arbeit auszeichnet ist sein Urteilsvermögen. Seine Arbeit basiert nicht nur auf fundierten Recherchen der Sekundärliteratur und Primärquellen, sondern auch wie er zu differenzierten, sowie klugen Ergebnissen gelangt. Einerseits verschweigt er die diversen Schwächen der Re-education nicht, andererseits identifizierte er die Voraussetzungen für die Erfolge Featherstone Parks in der Re-education deutscher Offiziere, vor allem die überragenden Persönlichkeiten, die die Umsetzung prägten, darunter der deutschstämmige Offizier der British Army, Herbert Sulzbach. Zum Schluß gelangt Herr Fügen zu positiveren Ergebnissen als mancher Historiker, nämlich, daß Featherstone Park zahlreiche deutsche Gefangene sehr positiv prägte und dadurch zum Aufbau der neuen demokratischen Deutschland beitrug.

Mit seiner exzellent recherchierten Bachelor-Arbeit hat Herr Fügen mehrere wichtige Eigenschaften eines Historikers erfolgreich unter Beweis gestellt. Wir gratulieren ihm als Gewinner des Wilhelm-Deist-Preises 2014 und hoffen sehr, daß er den Geschichts-wissenschaft, und eventuell auch der Militärgeschichte, weiterhin treu bleiben wird.

(PD Dr Alaric Searle)

Webmaster

Zitierempfehlung

9. Verleihung des Wilhelm-Deist-Preises für Militärgeschichte 2014, in: Portal Militärgeschichte, 25. September 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/wdp2014. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

Archiv

Besucher

  • Besucher insgesamt: 338440
  • Unique Visitors: 7534
  • Registrierte Benutzer: 579
  • Veröffentlichte Beiträge: 1365
  • Ihre IP-Adresse: 54.82.79.109
  • Seit: 19.11.2017 - 16:40

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer