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Feindliche „Bruderarmeen“ im Kalten Krieg

Die Bilder des „Anderen“ in Nationaler Volksarmee und Bundeswehr im Vergleich, 1949-1989 (Dissertationsprojekt)
Von: 
Klaus Schroeder
Dienstvorschriften von NVA und Bundeswehr

Die besondere geostrategische Konstellation an einer der direkten Konfrontationslinien des Kalten Krieges, die Angehörige einer geteilten Nation als Elemente gegnerischer Militärblöcke einander gegenübertreten ließ, ist Ausgangspunkt des Projektes. Sein Gegenstand ist ein historischer Vergleich der Feindbilder, die den Soldaten in der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee der DDR in ihrer Ausbildung bzw. in ihrem Dienstalltag vermittelt wurden.

Die Forschungsfrage, die sich angesichts dieser besonderen historischen Konstellation stellt, ist zunächst die nach den Feindbildern, die sich in den beiden deutschen Armeen entwickelten und verbreiteten. Wie wurde der Feind dargestellt, wer bestimmte diese semantischen und bildlichen Konstruktionen und wie wurden sie vermittelt? Wie nahmen sich in diesem Zusammenhang vor allem Bundeswehr und NVA gegenseitig wahr? Gingen die beiden deutschen Streitkräfte in der jeweiligen Fremdwahrnehmung von NATO und Warschauer Pakt auf, deren Bestandteil sie waren? Galten sie also als bloße Teilkräfte des „imperialistischen Westens“ oder der „kommunistischen Gefahr“ aus dem Osten? Oder besaß die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um deutsche Streitkräfte handelte, prägende Kraft? Immerhin mussten die Angehörigen von Bundeswehr und NVA davon überzeugt werden, im Kriegsfall auf Soldaten zu schießen, mit denen sie eine historische, kulturelle und möglicherweise familiäre, aber in jedem Fall nationale Vergangenheit teilten. Pointiert formuliert standen Bundeswehr und NVA sich in dieser Hinsicht als „Bruderarmeen“ womöglich näher, als den jeweiligen verbündeten Streitkräften. Blieb in diesem Falle lediglich der Ideologie- und Systemunterschied zwischen den beiden Teilstaaten übrig, auf dem das Feindbild aufgebaut werden konnte?

Hypothetisch ist dabei gar nicht unbedingt eine „symmetrische“ Feindbildvermittlung von der jeweils anderen deutschen Armee vorauszusetzen. Man könnte auch annehmen, dass die Traditionslinie des „Antibolschewismus“ in der Bundesrepublik, getragen nicht zuletzt durch die personellen Kontinuitäten zwischen nationalsozialistischer Wehrmacht und Bundeswehr, zu einer stärkeren Stereotypisierung der NVA als Erfüllungsgehilfin eines expansiven Kommunismus in Gestalt der Sowjetunion beigetragen hat und damit zu einer „Ent-Nationalisierung“ der NVA führte. Schon frühzeitig vorliegende Aufklärungsergebnisse, dass die NVA im Falle eines bewaffneten Konflikts nicht bzw. nicht allein die „erste Welle“ eines Angriffs bilden würden, könnten die Haltung gestärkt haben, dass doch eher „der Russe“ die eigentliche Bedrohung sei, die im Osten lauere. Umgekehrt mag gerade die personelle Kontinuität im Offizierskorps der Bundeswehr und ihre zum Teil explizite Anknüpfung an Traditionen der Wehrmacht das Bild der Bundeswehr in der NVA besonders „nationalisiert“ haben, und zwar in Richtung eines unterstellten „Revanchismus“, der sich vom allgemein angeprangerten „US-Imperialismus“ zumindest durch den historischen Bezug unterschied. Wie sich das mit dem Bild einer Armee vertrug, deren wehrpflichtige Angehörige jeden Freitagnachmittag für das Wochenende die westdeutschen Kasernen entvölkerten, wird dabei zusätzlich zu klären sein.

Mit diesem Projekt frage ich also vergleichend nach den Feindbildern, die den Soldaten in beiden deutschen Streitkräften im Hinblick auf die jeweils andere Armee vermittelt wurden, wer ihre Urheber waren und wie das Verhältnis zwischen intendierter und tatsächlicher Wirkung aussah. Das Erkenntnisinteresse dieses Projekts liegt dementsprechend zunächst in der Erarbeitung der jeweiligen Feindbilder und nachfolgend in den Wirkungen und Wechselwirkungen dieser Ideologien auf Militär und Gesellschaft in den verschiedenen Systemen von Bundesrepublik und DDR.

Als Voraussetzung eines Feindbildes werde ich zunächst die Selbstwahrnehmung der beiden Streitkräfte bzw. ihrer Soldaten erarbeiten. So wird es möglich sein, vergleichend zwei Kontrastlinien zu zeigen: Einerseits den Gegensatz zwischen Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung des Feindes und andererseits die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den jeweiligen Wahrnehmungsebenen von Bundeswehr- und NVA-Angehörigen. Die Hypothese der nicht „symmetrischen“ Feindbildvermittlung wird damit auf der letzteren Ebene untersucht.

Zur Erarbeitung der Feindbildkonstruktionen werde ich analysieren, mit welchen semantischen und bildlichen Mitteln der Gegner in der Ausbildung und zeitgenössischen Forschung beschrieben wurde. Die Untersuchung der Ausbildungsinhalte wird durch die Analyse der Forschungsbeiträge vorbereitet. Letztere werden somit als wissenschaftliche Grundlage für die Anlage der Feindbildvermittlung in der Truppe angesehen. Außerdem werde ich die Feindbildvermittlung und deren Positionierung im Dienstalltag beschreiben, um Aussagen zu ihrem gewünschten Stellenwert treffen zu können.

Einen Gewinn des vergleichenden Ansatzes sehe ich zunächst in der Erkenntnis welche Gegensätze und Gemeinsamkeiten zwischen den Feindbildvermittlungen bestanden. Auf diesen Ergebnissen aufbauend, werde ich herausarbeiten, ob sich die Inhalte der Feindbildvermittlung im Laufe der Zeit aneinander orientierten, ob sie Bezug aufeinander nahmen, wie dies geschah und ob Kettenreaktionen erkennbar sind.

Für den Vergleich kommen als Quellen Fachliteraturen aus Ost und West von vor 1989 in Frage. Hierzu werde ich – bei aller gebotenen Vorsicht, die es hinsichtlich ihrer Aussagekraft walten zu lassen gilt – die Forschung der militärsoziologischen bzw. sozialwissenschaftlichen Institute von NVA und Bundeswehr heranziehen. Große Teile der Arbeit der streitkräfteeigenen Institute hatten Befragungen von Soldaten als Grundlage. Mittels dieser Befragungsergebnisse hoffe ich, einen ersten Zugang zu Einfluss und Auswirkungen der Feindbildvermittlungen, das heißt auch ihrer gesellschaftlichen Eindringtiefe, zu erhalten.

Im Hauptteil des Projekts werde ich Ausbildungsmaterial von Bundeswehr und NVA auswerten. Dabei liegt mein Augenmerk nicht nur auf Unterlagen der politischen Bildung, sondern grundsätzlich auf dem gesamten Ausbildungsmaterial. Können beispielsweise aus Unterlagen zur taktischen Ausbildung wie etwa der Feinderkennung, der Form von Zielscheiben oder aus Lehrfilmen Rückschlüsse auf das propagierte Bild des Gegners gezogen werden?

Um die vorgestellten Quellen im Kontext ihrer Entstehungszeit und auf ihren intendierten Zweck hin zu analysieren, werde ich Zäsuren in der gemeinsamen Ereignisgeschichte der deutschen Staaten bzw. ihrer Armeen als neutrale Erklärungsmuster verwenden. Vor, während und nach diesen Zäsuren werden daher die Ausbildungsmaterialien von verschiedenen Waffengattungen (Fallschirmjäger, Panzergrenadiere/Mot.-Schützen, Nachschub) des Heeres der Bundeswehr bzw. der Landstreitkräfte der NVA untersucht. Diese Auswahl soll mögliche Unterschiede, Kontinuitäten und Besonderheiten herausstellen. Enthielten die Vorschriften und die politische Bildung für Kampftruppen (also Einheiten, die dem militärischen Gegner unmittelbar gegenüberstehen würden) schärfere Aussagen zum Feindbild oder wurden die entsprechenden Materialien zentral produziert und verteilt?

Die Dissertation entsteht an der Universität Bielefeld und wird von Prof. Dr. Thomas Welskopp betreut.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Klaus Schroeder, Feindliche „Bruderarmeen“ im Kalten Krieg. Die Bilder des „Anderen“ in Nationaler Volksarmee und Bundeswehr im Vergleich, 1949-1989 (Dissertationsprojekt), in: Portal Militärgeschichte, 4. November 2013, URL: http://portal-militaergeschichte.de/schroeder_feindbilder. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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