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Der Überfall auf Xuan Ngoc - Ein vergessenes Kriegsverbrechen

Von: 
Marcel Berni
Ein US-Marine im Vietnamkrieg 1966. Im Hintergrund ist die Sprengung einer Vietcong-Stellung zu sehen. (Quelle: wikimedia commons/NARA)

„This had to be someone other than Marines, because Marines just wouldn't do something like this.“ 1

Als die 18-jährige Bui Thi Huong am Abend des 23. Septembers 1966 einschlief, rechnete sie nicht in ihren schlimmsten Albträumen damit, was ihr in der kommenden Nacht widerfahren würde. Huong lebte im südvietnamesischen Weiler Xuan Ngoc, etwas außerhalb des Dorfes Ky Chanh im Distrikt Ly Tin - rund 200 Kilometer südlich der demilitarisierten Zone, die seit der Genfer Indochinakonferenz 1954 Vietnam teilte.2 Huongs zerstreutes Heimatdorf lag etwas außerhalb der Küstenstadt Chu Lai in der Provinz Quang Tin, die an Quang Nam und Quang Ngai angrenzte - beides berüchtigte Hochburgen des Vietcong. In der Hauptstadt von Quang Nam waren am 8. März 1965 die ersten gefechtsbereiten US-Marines an Land gegangen und hatten damit die „Amerikanisierung“ des Bodenkrieges eingeläutet. Davon hatte Huong aber nur wenig mitbekommen. Einzig die fremden Soldaten waren ihr aufgefallen, die seit Kurzem gelegentlich an ihrem Weiler vorbeizogen. Ähnlich ging es den meisten Bewohnern von Xuan Ngoc. Der Hamlet Chief, der lokale Vertreter der Bevölkerung, hatte die bekannten Vietcong-Sympathisanten in der Umgebung auf Anweisung den US-Truppen gemeldet. Einige von ihnen konnten festgenommen werden, anderen gelang die Flucht in das Bergland. Alle volljährigen Einwohner von Xuan Ngoc hatten eine Identitätskarte erhalten, die sie als Zivilisten auswies. Ansonsten nahm das ländliche Leben im Weiler seinen gewohnten Gang - bis zu jener Nacht Ende September 1966.3

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Eskalation des Krieges im Land der Mekongmündung, der als Vietnamkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte, in vollem Gange. Nachdem es Mitte November 1965 zu heftigen Kämpfen im Ia Drang-Flusstal gekommen war, wurde das Jahr 1966 zum Jahr der ersten großflächigen „Search and Destroy“-Operationen. Dabei wurde der Kriegsfortschritt aus der Perspektive der USA nicht länger an gewonnenem Territorium, sondern an der Anzahl der getöteten Feinde gemessen. Freilich war der „Body Count“ nicht die einzige Messgröße für den Kriegserfolg. Doch das Streben nach einem „Crossover“-Punkt, dessen Überschreiten beweisen sollte, dass die Amerikaner mehr Gegner töteten als vom Norden ersetzt werden konnten, wurde von gewissen Einheiten und Soldaten als Carte Blanche zum schrankenlosen Töten missbraucht. Die vietnamesische Zivilbevölkerung hatte unter dieser Militärdoktrin stark zu leiden. Der Vietnamkrieg sollte zehn Jahre andauern und erst 1975 mit der Wiedervereinigung Vietnams enden.

Die folgenden Ausführungen basieren auf den Prozessakten zum Kriegsverbrechen von Xuan Ngoc, von denen Kopien im amerikanischen Nationalarchiv in College Park (Maryland) erhalten sind. Zudem stützt sich der vorliegende Aufsatz auf die Enthüllungen des Journalisten Normand Poirier, der das Verbrechen im Jahr 1969 publik machte.4 Nur dank Poiriers investigativer Recherche und der Tatsache, dass Bui Thi Huong das Vergehen überlebte, wurden die Vorkommnisse jener Septembernacht einer breiteren Leserschaft bekannt. 5

In der historischen Forschung wurde dem Kriegsverbrechen von Xuan Ngoc bisher nur ansatzweise Bedeutung zugemessen. 6 Mit Ausnahme des Massakers von My Lai verhält es sich aufgrund der schwierigen Aktenlage mit vielen anderen Kriegsverbrechen des Vietnamkrieges ähnlich. Erst die militärgeschichtliche Forschung der letzten Jahre hat ihren Fokus zunehmend auf eine Gewaltgeschichte aus der Perspektive der vietnamesischen Bevölkerung gelegt. 7

Nguyen Thi Mai und Bui Thi Huong: Die Perspektive zweier Opfer

Eine ruhige Tropennacht legte sich am Abend des 23. Septembers 1966 über Xuan Ngoc. Vor Kurzem hatte es aufgehört zu regnen, der Vollmond stand über den Reisfeldern des Weilers. Wenige Stunden nach Einbruch der Dunkelheit hallten plötzlich Schreie durch die Nacht. Sie rissen Nguyen Thi Mai aus dem Schlaf. Schnell packte sie ihre Habseligkeiten zusammen und verließ mit ihrer Mutter und Tante das Haus. Gemeinsam flüchteten sie in einen behelfsmäßig angelegten Bunker, den sie zum Schutz vor drohendem Kriegsbeschuss ausgehoben hatten. Von dort aus hörten sie, wie sich amerikanische Soldaten ihrer Hütte näherten, die Türe aufbrachen und in ihr Heim eindrangen. 8

Mai war 16 Jahre alt und in den Augen vieler attraktiv. Voller Angst hielt sie sich im Bunker versteckt. Es dauerte nicht lange, bis einer der amerikanischen GIs das Versteck entdeckte und die Frauen zum Verlassen des Unterschlupfes aufrief. Mais Mutter und ihre Tante gehorchten den Befehlen und zeigten dem Soldaten hastig ihre Identitätskarten. Sie gingen davon aus, nichts befürchten zu müssen. Ihre Ausweise würden belegen, dass sie nicht zum Vietcong gehörten. Mai dagegen erschauderte im Bunker und verharrte im hinteren Teil. Schnell wurde sie vom Soldaten an einem Bein gepackt und ins Freie gezogen. Die anderen Soldaten hatten begonnen, ihre Hütte zu verwüsten, traten jedoch hervor, als sie die Geräusche vom Vorplatz des Hauses hörten. Dort versuchten Mais Mutter und ihre Tante den herbeigestürmten GIs verzweifelt zu erklären, dass Mai als Minderjährige keine eigene Identitätskarte benötigen würde. Davon wollten die Soldaten jedoch nichts wissen. Sie zerrissen die Ausweise der beiden und stießen sie zurück in den Bunker. Die junge Frau wurde indes von einem der Männer am Hals gepackt, ein anderer hielt ihr den Mund zu, sodass sie keinen Ton mehr von sich geben konnte. Zwei der Soldaten zerrten sie auf den Boden. Mai wehrte sich verzweifelt, als ihr die Hose ausgezogen wurde. Den starken Männern hatte sie jedoch nichts entgegenzusetzen. Ihre Schreie wurden erstickt. All ihre Versuche, sich aus der Umklammerung zu lösen, waren erfolglos. Ihre Beine wurden unsanft auseinandergedrückt. Mais Mutter schrie, als sie ihre Tochter in der misslichen Stellung sah. Einer der Soldaten kniete sich mit einer Taschenlampe zwischen Mais Beine und die junge Frau glaubte zu wissen, was ihr drohte. Doch plötzlich ließen die Männer los, schlugen ihr ins Gesicht und verschwanden in der Dunkelheit. Mai ergriff panisch die Flucht und versteckte sich hinter den Elefantenbäumen neben dem verwüsteten Haus. 9

Nur unweit von Mai lebte Bui Thi Huong. Zusammen mit ihrem Mann, ihrem dreijährigen Sohn, ihrer Schwiegermutter, ihrer Schwägerin sowie deren Tochter lebte sie in einer kleinen Hütte. Als die amerikanischen Soldaten diese umstellten, schliefen sie alle tief und fest. Niemand hatte etwas vom nächtlichen Schrecken ihrer Nachbarn mitbekommen. Plötzlich wurde die Eingangstür aufgestoßen und Huongs Mann, Dao Quang Thinh, aus seinem Bett gerissen. Thinh, der aufgrund einer Hautkrankheit keinen Militärdienst leistete, wurde aus der Hütte gezerrt und beschuldigt, ein Vietcong zu sein. Der Bauer stritt diese Anschuldigungen vehement ab, doch die Amerikaner hörten nicht auf, ihn mit „VC, VC, VC“-Schreien, der Abkürzung für Vietcong, zu denunzieren. Während sie ihn mit Schlägen auf seinen Bauch und Kopf misshandelten, schleiften die übrigen Soldaten die zwei weinenden Frauen aus der Hütte und trieben sie auf dem betonierten Vorplatz vor dem kleinen Haus zusammen. Thinh gelang es, sich im allgemeinen Chaos kurz von der Umklammerung zu befreien. Verzweifelt versuchte er, seiner Familie zu Hilfe zu eilen. Der junge Mann kam jedoch nicht weit: Er wurde von zwei Soldaten zu Fall gebracht und umgehend mit weiteren Schlägen und Tritten traktiert. Im gleichen Moment trat einer der GIs aus der Hütte und hielt eine Handgranate in die Luft. Sie sollte das angebliche Beweismittel darstellen, das die Männer gesucht hatten: „This man is VC“ schrie der GI, der die Granate entdeckt hatte. 10 Thinhs heftige Dementi nutzten nichts: Die amerikanischen Soldaten bildeten einen Kreis um ihn und schlugen auf ihn ein, bis er nahezu ohnmächtig vor ihnen lag. Anschließend zerrten ihn seine Peiniger zur Frontwand seiner Hütte und befahlen den zwei Frauen, sich gemeinsam mit den beiden kleinen Kindern neben den benommenen Mann zu setzen. Zwei Soldaten bewachten sie, einer versuchte vergeblich, Thinh zu erwürgen. Einige der anderen GIs versammelten sich um dessen Ehefrau, die ihrem Mann zu Hilfe eilen wollte, rissen ihr das weinende Kind aus den Armen und schlugen sie auf der anderen Seite des Hauses auf den Boden. Sie hielten ihr den Mund zu, zogen ihr hastig die Pyjamahose aus, öffneten ihr Oberteil und drückten ihre Beine auseinander. Männerhände berührten Huongs Brüste und sie fühlte den dumpfen Stich einer Messerklinge in ihre seitliche Stirn eindringen. Ein Soldat kniete sich mit einer Taschenlampe zwischen ihre Beine. Huong wehrte sich und versuchte, sich zu befreien. Sie biss in den Arm des Soldaten, der ihren Mund zuhielt. Als dieser kurz von ihr ließ, schrie sie voller Panik in die kühle Nacht. Daraufhin schlugen die Soldaten auf sie ein, bis ihr Blut den Boden rot färbte. Eine Mütze wurde ihr über den Kopf gezogen und sie lag wehrlos vor den Männern auf dem Boden. Sie fühlte, wie der erste Mann in sie eindrang, dann der zweite. Sie konnte hören, wie ihr Mann die Gruppenvergewaltigung mitanhören musste und vor Zorn tobte. Kurz darauf fiel sie in Ohnmacht. 11

Huong kam wieder zu sich, als ihr kaltes Wasser aus einer Feldflasche ins Gesicht gespritzt und ihre Wangen getätschelt wurden. Die Männer standen noch immer über ihr, einige wuschen ihre Genitalien, einer von ihnen versuchte eine Erektion zu bekommen. Sie lachten und unterhielten sich, bevor ein dritter Mann zur Tat schritt. Huong weinte und spürte am ganzen Körper Schmerzen. Ihr Mann protestierte gegen das Unrecht, das seiner Frau und seiner Familie angetan wurde. Die anderen Soldaten hatten ihn aber gefesselt und hielten ihn in Schach. Eine vierte und wahrscheinlich sogar eine fünfte Vergewaltigung folgten. Thinh schrie sich die Seele aus dem Leib, sodass der ganze Weiler vom Vorfall hören musste. Die GIs brüllten zurück, aber Thinh schrie weiter und wollte nicht verstummen. Als der letzte Mann seine Hosen hochgezogen hatte, wandten sich die Soldaten wieder Thinh zu. Sie gaben sich keine Mühe, dessen vietnamesisches Geschrei zu verstehen und traktierten ihn mit weiteren Schlägen. Plötzlich ertönten die ersten Schüsse und Thinhs Schreie verhallten jäh. Nur das Wimmern der Kinder und der beiden Frauen war noch zu hören. Doch kurz darauf hallten weitere Schüsse durch die Nacht. Dann wurde es ganz still und Huong wusste nur allzu gut, was soeben geschehen war. Sie versuchte sich aufzurappeln und zu den Leichen zu kriechen. Plötzlich wurde sie von einem Schuss aus der Dunkelheit getroffen und am rechten Arm verwundet. Als die herbeigeeilten Schützen ihren Körper zu untersuchen begannen, stellte sich Huong tot. Nachdem die Männer verschwunden waren, versuchte sie aufzustehen, wurde aber jäh von einer Explosion zu Boden geworfen. Zum zweiten Mal fiel sie in Ohnmacht. 12

Als Huong wieder zu sich kam, war es noch immer dunkel. Sie wusste nicht, wie lange sie das Bewusstsein verloren hatte und glaubte, tot zu sein. Kopf, Bauch, Brust und der rechte Arm schmerzten besonders. Ihr ganzer Körper war voller Blut und sie erkannte benommen, dass ihre Hütte durch die Explosion eingestürzt war. 13

Bei Tagesanbruch schielte eine Nachbarin in das zerstörte Haus und entdeckte Huong. Sie sah die Leichen und die entblößte Frau, der sie sofort auf die Beine half und die sie mit neuen Kleidern versorgte. Ihre Nachbarin beharrte darauf, sofort medizinische Hilfe zu holen. Huong küsste ihren totgeglaubten Sohn, humpelte dann schmerzerfüllt unter Begleitung ihrer Nachbarin in Richtung Ky Chanh los. Auf dem beschwerlichen Marsch fielen nur wenige Worte. Als sie auf dem Marktplatz Ky Chanhs angekommen waren, versorgte ein medizinisch geschulter Dorfarzt ihre Wunden notdürftig. Er verlud Huong in ein Militärfahrzeug und teilte dem Fahrer mit, Huong müsse sich unbedingt bei der nahegelegenen Militärbasis melden, um sich im Spital weiteren Untersuchungen zu unterziehen. 14

Als Huong vor dem Eingangstor zur amerikanischen Militärbasis das Fahrzeug verließ, wurde sie zufällig von einem Übersetzer bemerkt, der sie sofort zur medizinischen Abteilung begleitete. Der Dolmetscher übersetzte Huongs Anschuldigungen und teilte sie dem behandelnden Arzt Anthony Fathman mit. Die Untersuchungen des Doktors der US-Navy bestätigten die Aussagen Huongs: Die junge Frau war tatsächlich vergewaltigt worden. Er brachte sie ins Militärspital und rapportierte die Vergewaltigung zusammen mit den Mordanschuldigungen an den zuständigen Bataillonskommandanten. 15 Unverzüglich wurde eine Untersuchung des Vorfalles eingeleitet. Bereits am nächsten Tag, am 24. September 1966, kam es in Chu Lai zu den ersten Verhören. 16

Die Männer des First Squad

Die Täter des Kriegsverbrechens von Xuan Ngoc gehörten vollständig dem First Squad, Second Platoon, B Company, 1st Battalion, 5th Regiment der ersten Marine Divison (Reinforced) an. Es handelte sich - dem Dienstgrad folgend - um Sergeant Ronald L. Vogel, Lance Corporal Robert W. Monroe und um die Privates First Class Clifton G. Hobson, Jerry D. Sullivan, Danny L. McGhen, John D. Potter Jr., James W. Henderson, James H. Boyd Jr. sowie John R. Bretag, der der US-Navy angehörte. Das zweite Platoon setzte sich aus drei Squads zusammen, wovon die ersten beiden den Tag über in der Gegend patrouillierten und dabei keinen Feindkontakt hatten. Am Abend des 23. Septembers 1966 war es am First Squad, den anstehenden Patrouillendienst zu übernehmen. 17

Viele der jungen Marines waren noch Teenager und direkt von der Schulbank als Soldaten für die Armee rekrutiert worden. Im Amerika der Nachkriegszeit aufgewachsen, hatte sie der militärische Drill nur unzureichend auf den Guerillakrieg im Dschungel Südostasiens vorbereitet. Vor ihrer Rekrutierung hatten nur die wenigsten ihren Bundesstaat verlassen. 18 Beispielsweise war der ranghöchste Mann des First Squad, Ronald L. Vogel, der bei seinen Untergebenen als schwache Führungspersönlichkeit galt, erst 23 Jahre alt. Er war seit vier Jahren Soldat und direkt nach der High School dem Marine Corps beigetreten. Vogel war seit über einem Jahr in Vietnam und hatte vier größere „Search and Destroy“-Operationen miterlebt. Im Vergleich zur Mehrheit der Männer seines Squads war er ungleich kampferfahrener und etwas älter. Obwohl er nach vier Jahren seinen Militärdienst vollständig abgeleistet hatte, erklärte er sich dazu bereit, freiwillig sechs weitere Monate in Vietnam zu bleiben. Er war verheiratet und hatte vor Kurzem das Adoptivrecht für eine Tochter erhalten. 19

John D. Potter, der zum „Architekten“ des Verbrechens wurde, war erst 20 Jahre alt. Trotzdem hatte er unter seinen Kameraden einen makellosen Ruf. Er sei ein verlässlicher und erstklassiger Soldat gewesen - so zumindest urteilten später seine Kameraden bei seiner Verteidigung. Sein Vorgesetzter, Lieutenant Stephen J. Talty, meinte sogar: „Potter runs the squad and he is a damn good man. [He is] one of the best point observers and a good trooper.“ 20 Ein Kamerad Potters war im August 1966 während der Operation „Colorado“, einer „Search and Destroy“-Operation in Verbund mit der südvietnamesischen Armee, getötet worden, was einigen der Soldaten im First Squad sehr nahe ging. 21

Das 5. Marine Regiment war seit dem 8. Mai 1966 in Südvietnam stationiert. Einige der Soldaten wurden von den länger anwesenden GIs jedoch noch immer als „Greenhorns“ belächelt. 22 Sie waren damit aber nicht alleine, denn im Laufe des Jahres 1966 verdoppelte sich der Bestand der III Marine Amphibious Force beinahe: Ende September 1966 waren 70 000 Marines in der ersten taktischen Zone im Norden Südvietnams stationiert. 23 Das 5. Regiment war vom 5. bis 7. September mit der Operation „Napa“ beschäftigt, die zu etwa sechs getöteten Kämpfern des Vietcong sowie einigen verwundeten Gefangenen geführt hatte. 24 Am 21. September hatte der Vietcong das Flugfeld von Chu Lai mit Mörsern beschossen, wobei 16 Amerikaner verwundet und fünf Flugzeuge beschädigt worden waren. 25 Die Männer des zweiten Platoons waren in der Gegend um Xuan Ngoc in einem Kommandoposten stationiert. Acht der neun Soldaten des First Squad gehörten dem Marine Corps an, das im Norden Südvietnams eingesetzt war. Das „I-Corps“, wie die Amerikaner die nördlichste taktische Zone bezeichneten, hatte eine Länge von 400 Kilometern und variierte in ihrer Breite zwischen 50 und 115 Kilometern. Weite Teile der Landschaft waren von den Ausläufern des Truong Son Gebirges geprägt und bestanden aus bewaldeten Hügeln, die von Tälern und Flüssen durchsetzt waren. Die Küstenregion, wo Xuan Ngoc lag, war von Flachland dominiert. Rund 2,6 Millionen Vietnamesen lebten in den fünf nördlichsten Provinzen Südvietnams. 26

Für die stationierten US-Soldaten bedeutete die vorangegangene, erfolgreich verlaufene Pazifizierung der Region um Xuan Ngoc, dass sie auf dem besten Weg waren, den Vietcong und seine Sympathisanten zu vertreiben. 27 Die Amerikaner warfen allein im September 1966 über dem umliegenden Gebiet 40 000 Flugblätter mit Informationen ab, die Belohnungen zu Hinweisen bezüglich des Vietcong versprachen. 28 Zudem hatte das medizinische Personal im gleichen Monat 3 643 vietnamesische Zivilisten medizinisch behandelt. Die amerikanischen Soldaten halfen des Weiteren, die bevorstehende Reisernte vor Diebstählen des Vietcong zu schützen. 29 Alles in allem hatte sich die Anwesenheit der GIs in Quang Tin bisher bewährt. Der Vietcong hatte sich rasch in die Berge zurückgezogen, nur noch selten kam es in der Gegend zu Scharmützeln. 30

Die Befehle des First Squad für die Nacht vom 23. auf den 24. September waren klar formuliert: Die Männer sollten sich zu einer nahegelegenen Weggabelung - etwa 600 Meter von ihrem Kommandoposten entfernt - begeben, dort ihr Versteck beziehen und bis um 23 Uhr ausharren, um nach Aktivitäten des Vietcong Ausschau zu halten. Anschließend sollten sie das Versteck verlassen und einige der umliegenden Hütten auf Feinde und Waffen durchsuchen, bevor sie sich um 30 Minuten nach Mitternacht wieder zurück im Kommandoposten einzufinden hatten - eine Patrouille also, die für die GIs zur Gewohnheit gehörte. 31

Nach Erreichen der Gabelung sicherten drei Männer die Gegend, so wollte es die als „Standing Operational Procedure“ bekannte und verbindliche Vorgehensweise. Doch schon bald wichen die Soldaten vom üblichen Prozedere ab: Die folgende Besprechung wurde nicht vom ranghöchsten Sergeant Vogel geleitet, sondern von Private First Class Potter. Sodann entfernten die Männer ihre militärischen Abzeichen. Sie rollten ihre Ärmel über die Unterarme, sodass ihre zivilen Armbanduhren darunter versteckt blieben. Es sollten während der nächsten Stunden keine Namen genannt werden. Einer der Männer wies jedem Soldaten eine Ziffer von eins bis neun zu. Der Sergeant funkte dem Kommandoposten, dass das First Squad das Versteck bezogen habe. Dann verließen die Männer allerdings den ihnen zugewiesenen Unterschlupf und folgten dem Weg in Richtung Xuan Ngoc. 32

Die erste Hütte, die sie dort beobachteten, hatte kein Licht. Drei Männer schlichen sich an die Behausung heran. Nummer eins, zwei und drei brachen die Eingangstüre auf, während sie von Nummer vier und fünf gedeckt wurden. Nummer eins, zwei und drei rissen den Hausherrn aus dem Schlaf. Im Haus entdeckten sie neben dem 61-jährigen Mann auch seine fast 70-jährige Frau sowie dessen zwei Schwestern und zwei seiner Nichten. Wie zuvor besprochen, stürmten die Marines das Haus und beschuldigten den Mann, ein Vietcong zu sein. In Wahrheit war Nguyen Luu ein Bauer und Schreiner, der sein ganzes Leben in Xuan Ngoc verbracht hatte. Doch die Soldaten ließen ihn nicht los. Nummer eins, zwei und drei zogen ihn aus dem Haus. Einer schlug ihm in den Bauch, ein anderer prügelte ihn zu Boden. Luu versuchte, sich zu wehren und das Missverständnis aufzuklären. Er schrie, wurde aber umgehend von den Amerikanern mit ihren automatischen Waffen bedroht. Zwei andere Soldaten führten die restlichen schreienden Bewohnerinnen des Hauses ab. Obwohl Luus Schwester mit ihrem Ausweis herumfuchtelte und so ihre Unschuld zu beweisen versuchte, wurde auch sie von einem der Marines geschlagen. Zwei Soldaten durchsuchten das spärlich eingerichtete Haus und begannen, dieses zu verwüsten. 33

Wie seine Schwester verwies auch Luu verzweifelt auf seine Identitätskarte. Diese wurde jedoch von den Soldaten zerrissen. Ihrer Abmachung folgend schenkten die Soldaten den Einsatzrichtlinien keine Beachtung mehr. Nachdem sie die ganze Familie zehn weitere Minuten über in Todesangst versetzt und misshandelt hatten, verschwanden sie in der Dunkelheit. Als nächstes würden sie einer Nachbarsfamilie einen ähnlichen Schrecken bereiten. 34

Nguyen Truc lebte mit seiner Frau und den fünf Kindern nur unweit entfernt. Die GIs wiederholten ihr brutales Vorgehen, zerrten Truc aus dem Haus, schlugen und misshandelten ihn, bis er ohnmächtig vor ihnen lag. Die restlichen Soldaten begannen, Feuerholz in die Hütte zu tragen. Als Truc wieder zu sich kam, begann er, sich mit allen Kräften zur Wehr zu setzen, da er fürchtete, dass seine Familie bei lebendigem Leibe verbrannt werden würde. Die amerikanischen Soldaten genossen ihre Macht sichtlich und behaupteten, kommunistische Kämpfer vor sich zu haben. Nach einigen heftigen Schlägen verließen die Soldaten die Familie wieder und gingen in Richtung der Hütte von Nguyen Thi Mai weiter. 35

Dort fanden sie eine junge Frau vor. Nachdem diese aber von einem der Männer untersucht worden war, wurde die geplante Vergewaltigung abgebrochen. Sergeant Vogel gab später zu Protokoll: „Some of the men were going to rape her but the Doc examined her with a flashlight and thought she had clap so they left her.” 36 Als Mai entkommen war, meinte einer der Soldaten im Weglaufen frustriert: „Damn, I sure want a piece of ass tonight.“ 37 Sechs weitere Hütten wurden gestürmt, durchsucht, deren Bewohner terrorisiert und erniedrigt, ehe die Männer zum Haus von Bui Thi Huong schritten. 38

Nach der Gruppenvergewaltigung der 18-Jährigen und der Erschießung ihrer Familie lag Huong auf dem Boden, bewegte sich nicht und blutete. Einer der Soldaten prüfte ihren Körper und kam zu dem Schluss, dass Huong tot sei. Die GIs informierten ihren Vorgesetzten im Kommandoposten des Platoons, dass sie im nächtlichen Versteck Feindkontakt gehabt hätten. Dabei seien drei Vietcong getötet worden, zwei Frauen und ein Mann. Die Leichen der beiden Frauen seien vom Vietcong weggetragen worden. Diese Nachricht wurde auch vom Kompaniekommandanten mitgehört, der sofort vom Lieutenant einen Bericht über alle Einzelheiten des Gefechtes forderte. Dem Lieutenant blieb nichts anderes übrig, als sofort seine Männer zurück zum Kommandoposten zu beordern. Als die GIs des First Squad dort ankamen, sagten sie aus, dass die Schießerei nicht in der Nähe ihres Versteckes, sondern etwa eine Meile davon entfernt stattgefunden hätte. Der Vietcong hätte sich in den Hütten verschanzt. Aus Panik hätten sie die vermeintlichen Feinde unter Beschuss genommen, wobei versehentlich Zivilisten getötet worden seien. 39

Der Lieutenant ging nun selbst zum Tatort. Was er dort vorfand, ließ ihn erschaudern. Stephen J. Talty war 23 Jahre alt und seit zehn Monaten im Marine Corps. Er hatte sich bisher als fähiger Platoonleader erwiesen, war aber noch recht unerfahren. 40 Als er vor den Leichen stand, war ihm sofort klar, dass es sich bei den Getöteten um Zivilisten handelte. Plötzlich durchbrachen Kinderschreie die Stille. Das Kind von Huong hatte den Überfall überlebt. Dessen ungeachtet befahl Lieutenant Talty den Körper Thinhs zum Ort des Verstecks zu schleifen. Dort sollten einige der Männer die Spuren eines Gefechtes nachstellen. Der Lieutenant half nun mit, das Verbrechen zu vertuschen. Er funkte seinem Kompaniekommandanten, das First Squad hätte vierzig Schüsse abgegeben. Dabei seien ein Vietcong und zwei Kombattantinnen getötet worden. Die zwei Leichen der Frauen seien vom Vietcong weggeschleppt worden, die anschließende Verfolgungsjagd im Leeren verlaufen. Leider sei es zu Kollateralschäden in Xuan Ngoc gekommen. 41

Potter, Monroe, Hobson, McGhen und Vogel simulierten Schleifspuren, um den Abtransport der zwei Frauenleichen durch den Vietcong vorzutäuschen. Bei Huongs Hütte wollten sie die Leichen drehen, sodass ihre Position mit ihren Behauptungen übereinstimmen würde. Plötzlich schrie das Kind erneut auf. Einer der Soldaten meinte, man sollte es am besten gleich auch noch töten, da es ohnehin nicht mehr lange weiterleben würde. Die anderen Männer schauten mit leeren Blicken in die Ferne und wandten sich ab. Potter forderte seinen Vorgesetzten Vogel auf, von eins bis drei zu zählen. Bei drei begann er, mit dem Kolben seines Gewehres von oben nach unten auf das Baby einzuschlagen, „up and down.“ 42 Nach der Tat machte sich Stille breit. Einer der Soldaten trug das Kind in das Haus, wo es zusammen mit den anderen Leichen so platziert wurde, als ob es als Kollateralschaden während des Beschusses ums Leben gekommen sei. Einer der GI’s sagte zu Potter: „You sure got some balls to do that.“ 43 Ein anderer meinte nur, er sei froh, dass sich ihre Tat nicht innerhalb der Vereinigten Staaten ereignet habe. 44

Wieder im Kommandoposten angekommen, teilte ihnen Talty mit, dass sie sich auf eine Version der Geschehnisse einigen sollten. Diese Geschichte würde er dann dem Kommandeur der Kompanie mitteilen. Nach einer einstündigen Besprechung teilten sie Talty ihre Sicht der Dinge mit: Im Unterschlupf versteckt, hätten sie plötzlich einige Schatten im Unterholz erspäht. Sie hätten die Verdächtigen nach Xuan Ngoc verfolgt, wo diese vor einer Hütte stehen geblieben seien. Plötzlich seien Schreie ertönt, einige der Verdächtigen hätten sich von der Behausung entfernt. Daraufhin hätte einer der GIs Angst bekommen und das Feuer eröffnet. Die Zivilisten seien dabei unbeabsichtigt getötet worden. 45

Kaltblütige Taten - milde Strafen

Die erstinstanzlichen Untersuchungen zum Vorfall begannen am 24. September und dauerten bis zum 2. November 1966 an. Die Angeklagten saßen während der ganzen Zeit in Untersuchungshaft. Unter Artikel 31 des Uniform Code of Military Justice hörte der Pretrial Investigation Officer alle in den Fall verwickelten Seiten an - Täter und Opfer. Es kam im Beisein der überlebenden Opfer in verschiedenen Fällen zur Anklage. Bei den Anhörungen vor dem Militärgericht in Chu Lai zeigte sich, dass insbesondere Sergeant Vogel in seiner Rolle als Squadleader versagt hatte. Aus Angst vor seinen Männern hatte er die Kontrolle über seine Einheit an Potter und Monroe abgetreten. Letztere waren es, die de facto die Befehlsgewalt während des Kriegsverbrechens innehatten. Vogel gehorchte den Aufforderungen seiner Untergebenen und übernahm zu keinem Zeitpunkt die Initiative, das Verbrechen zu stoppen. Potter hatte den Männern an der Weggabelung gesagt, er habe direkte Anweisungen von Lieutenant Talty erhalten, obwohl solche Befehle über den Dienstweg an Sergeant Vogel hätten gehen müssen - das wussten alle Soldaten. Trotzdem gehorchten sie Potters Aufforderungen: „Go out and terrorize and find out where the V.C. [are]. Harass, destroy, beat up on people. Rape if there [are] some young girls around. And shoot anybody that [gets] in the way and wreck their houses.” 46

Der Plan zu diesem Verbrechen war jedoch schon früher ausgeheckt worden. Zwei Tage vor dem Kriegsverbrechen von Xuan Ngoc spielten die Männer des First Squad zusammen mit Lieutenant Talty gelangweilt mögliche Szenarien für künftige Einsätze durch. Dabei seien sie aus einem albernen Witz heraus auf die Idee gekommen, willkürlich ausgewählte Personen zu terrorisieren. 47 Im Zuge des Gerichtsverfahrens äußerte sich ein Soldat aus dem Platoon in Bezug auf die Stimmungslage der Soldaten: „Well, our platoon had been sort of fouling up in garrison, seemed like everything we did, and we wanted to get some V.C. so we could more or less prove that we were as good as anyone else because we had a lot of pride in our platoon and we wanted real bad to get some V.C. that day.” 48 „I gave them no such orders“ beteuerte dagegen Talty bis zuletzt. 49 Allerdings hatte er gegenüber seinen Männern wiederholt Äußerungen wie die folgende gemacht: „[A]nything with slant eyes over here [is] a VC.“ 50 Militärjuristisch unterstanden alle Soldaten zum Tatzeitpunkt der Direktive 20-4, erlassen vom Military Assistance Command, Vietnam, deren Inhalt ihre Tat klar als Kriegsverbrechen verurteilte. 51

Das US-Militärtribunal kam schließlich zu folgenden Urteilen: Potter, der die Aussage verweigerte, wurde in der Mehrheit der Anklagepunkte schuldig gesprochen, darunter Vergewaltigung und Mord. Er wurde unehrenhaft aus dem Marine Corps entlassen, unter anderem zu lebenslänglicher Haft und harter Arbeit verurteilt. In der Folge schöpfte er alle Berufungsverfahren aus und wurde nach zwölf Jahren und einem Monat aus der Haft entlassen: 52 „His was the longest period of confinement served by any prisoner convicted by Marine Corps court-martial of murdering a Vietnamese noncombatant.” 53 Seine Verteidigung hatte argumentiert, dass nicht geklärt sei, ob die Opfer tatsächlich aufgrund der ihnen zugefügten Schusswunden verstorben seien: „In essence it is the defense position that the victims had not died as a result of the wounds inflicted upon them.“ 54

Vogel wurde wegen seiner Rolle beim Kindsmord Potters und der Tolerierung der Gruppenvergewaltigung Bui Thi Huongs schuldig gesprochen. Seine Strafe wurde auf 50 Jahre Gefängnis festgesetzt. Bereits 1968 wurde diese vom Naval Board of Review auf zehn Jahre gekürzt. Nach acht Jahren wurde Vogel freigelassen. Im Berufungsverfahren wurde argumentiert, dass das Bespritzen des Gesichts von Bui Thi Huong mit Wasser inmitten der Vergewaltigung einen „Humane Act“ dargestellt habe. 55

Die restlichen Platoonangehörigen sowie Lieutenant Talty wurden entweder ganz frei gesprochen oder aber zu kurzen Haftstrafen verurteilt. Teilweise wurden diese Urteile später weiter gemindert. 56

Die Gründe für das Verbrechen erschöpfend auszuleuchten, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Trotzdem sei auf die Beweggründe des Hauptangeklagten John D. Potter hingewiesen, die ein Militärpsychiater mit folgenden Worten zu erklären versuchte: „[Potter] gave a […] history of frustration and anger and nervous tension. War in Vietnam is one where the enemy is usually unseen until he chooses to make himself known, while the Marines are forced to repeatedly expose themselves to attack and ambush. Civilians often shelter and aid the enemy and give rise to very strong resentment from the Marine troops […] This is a situation that caused PFC Potter to feel appropriately angry and frustrated and to look forward to raiding the village. At the time of the alleged crimes, during the raid of the village, PFC Potter’s state of emotional turmoil against the Vietnamese people probably accounts for his alleged participation at extreme lengths to which the raid was carried. At the same time, his emotional state was not of such severity as to prevent him from being fully mentally responsible […]“ 57

Die gerichtliche Vorbemerkung zu Potters Berufungsakten entschuldigt die Tat des jungen Soldaten und rechtfertigt die Reduktion der ursprünglich verhängten Strafe wie folgt: „The events precipitating the conviction of this accused were set against the background of a guerilla-type war, waged against an unseen, frequently unknown, enemy. It was in a setting were friend and foe, civilian and military, are sometimes indistinguishable. It was in a setting where the native civilian friend by day, became by night, a treacherous betrayer, who leads the enemy into the heart of the villages, sometimes concealing him, and sometimes aiding him to sew booby traps and to lay the mine. Against this background and experience, we [the Board of Review] are aware of and consider with great sympathy the feeling of a single Marine who has lost a “buddy” by reason of such treachery […] The battlefield is not a debating ground. It is singularly a place for action.“ 58

Es bedarf nicht eines besonders ausgeprägten Scharfsinnes, um die Milde der letztendlich verhängten Strafen zu erkennen. Die Männer des First Squad hinterließen ein verwüstetes Dorf, fünf Tote und zahlreiche Schwerverletzte, ganz zu schweigen vom Terror, den sie in Xuan Ngoc anrichteten. Insofern scheint die These des Hamburger Historikers Bernd Greiner in Bezug auf amerikanische Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg und der militärischen Rechtskultur eins zu eins auf das Kriegsverbrechen von Xuan Ngoc übertragbar: „Die Grenzen des moralisch wie juristisch Akzeptablen hatten sich so weit verschoben, dass Zivilisten als im Krieg entbehrliche Zielobjekte galten.“ 59 

  • 1. Lt Gen Leo J. Dulacki, in einem Interview zum Kriegsverbrechen von Xuan Ngoc, 24.10.1974, zit. in: Gary D. Solis, Marines and Military Law in Vietnam: Trial by Fire, Washington, D.C. 1989, S. 53.
  • 2. Die Amerikaner verwendeten für die in der Umgebung lose zusammenliegenden Weiler die Bezeichnung „Xuan Ngoc“. Diese Weiler wurden mit Ziffern voneinander unterschieden. Die hier beschriebenen Vorkommnisse ereigneten sich in Xuan Ngoc (2), das auch als Xuan Vinh bekannt war. Der Einfachheit halber wird im Folgenden der amerikanischen Diktion folgend der betreffende Weiler als Xuan Ngoc bezeichnet.
  • 3. National Archives and Records Administration, College Park (NARA), RG 127, HQMC: HD, Trail [sic! Trial] by Fire, 1968-1969, Box 1, Folder: Original Verbatim Record of Trial (and Accompanying Papers) of Potter, John D., Jr. Chu Lai, Vietnam, Review of General Court-Martial Record, Case of Private First Class John D. Potter, Jr., 2128272, U.S. Marine Corps, 28.04.1967, S. 9; Normand Poirier, An American Atrocity, in: Esquire, 14.08.1969, S. 59-63, 132, 134, 136-137, 140-141, hier S. 59, 141.
  • 4. Siehe: Poirier, Atrocity. Zudem nachträglich abgedruckt in: Harold Hayes (Hg.), Smiling Through the Apocalypse: Esquire’s History of the Sixties, New York 1971, S. 790-825 und online verfügbar in: Esquire Classics, http://classics.esquire.com/poirier-atrocity/ (02.10.2015). Bereits ein Jahr früher berichtete der National Observer über das Kriegsverbrechen. Siehe: Daniel Greene, Crimes of the Battlefield: How War’s Violence Spills Out of Bounds, in: The National Observer, 19.08.1968, unpaginiert; siehe auch: Paul Cabbell, Marine Atrocities, in: Los Angeles Free Press, 08.08.1969, S. 1-3, 12.
  • 5. Der Überfall ist bis heute aus vielen militärischen Logbüchern verschwunden. In den „Chronological Sequence of Events“ des betreffenden fünften Marine Regiments finden sich zwar für den 23. September 1966 fünf Einträge, doch beschäftigt sich keiner davon mit den Vorkommnissen in Xuan Ngoc. Siehe: NARA, RG 127, Records of the U.S. Marine Corps, Command Chronologies, 1965-1979, 1st Battalion, 5th Regiment, May-Dec 1965 to 1st Battalion, 5th Marine Regiment, February 1967, Box 372, Folder: 1/5 Marines, September 1966, 1st Battalion, 5th Marines, Chronological Sequence of Events, S. 6.
  • 6. Das gilt nicht für die Bücher von Bernd Greiner und Nick Turse. Siehe: Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten: Die USA in Vietnam, Hamburg 2007, S. 224, 250, 252, 498; Nick Turse, Kill Anything That Moves: The Real American War in Vietnam, New York 2013, S. 129-131, 223. Siehe ferner: Grace Sevy, The American Experience in Vietnam: A Reader, Norman OK/London 1989, S. 130. Siehe für eine juristische Perspektive: Antonio Cassese, Guido Acquaviva, Mary Fan, Alex Whiting (Hg.), International Criminal Law: Cases and Commentary, Oxford 2011, S. 328-329; Gary D. Solis, United Sates v. Potter, in: Antonio Cassese (Hg.), The Oxford Companion to International Criminal Justice, Oxford 2009, S. 878-879; Gary D. Solis, The Law of Armed Conflict: International Humanitarian Law in War, New York 2010, S. 308.
  • 7. Greiner, Krieg; Turse, Kill Anything; Deborah Nelson, The War Behind Me: Vietnam Veterans Confront the Truth About U.S. War Crimes, New York 2008.
  • 8. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial by Fire, 1968-1969, Box 1, Folder: Original Verbatim Record of Trial (and Accompanying Papers) of Potter, John D., Jr., Chu Lai, Vietnam, Verbatim Record of Trial, 20-21.01.1967, S. 48, 57, 73a; ebd., Department of the Navy, Office of the Judge Advocate General, Board of Review, 21.01.1967, S. 3, 8; Poirier, Atrocity, S. 59-60.
  • 9. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 3, 8; ebd., Review, S. 4-5; ebd., Verbatim Record, S. 38, 57-58, 75; Poirier, Atrocity, S. 60.
  • 10. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 11. Siehe auch: Ebd., Verbatim Record S. 73a-74 und Poirier, Atrocity, S. 60.
  • 11. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 3-7, 11; ebd., Review, S. 4, 7; ebd., Verbatim Record, S. 39-42, 100-103, 112-113, 115. Siehe auch: Poirier, Atrocity, S. 60-61; Solis, Marines, S. 53; ders., Military Justice, Civilian Clemency: The Sentences of Marine Corps War Crimes in South Vietnam, in: Transnational Law & Contemporary Problems, 10/1, 2000, S. 59-84, hier S. 59-60.
  • 12. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 3-4, 7, 10; ebd., Review, S. 4, 7, 8, 10; ebd., Verbatim Record, S. 39, 41-44, 60, 63, 103, 105, 114-117; Poirier, Atrocity, S. 60-61, 134; Solis, Marines, S. 53; ders., Justice, S. 59-60.
  • 13. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 12-13; ebd., Review, S. 7; ebd., Verbatim Record, S. 103-105; Poirier, Atrocity, S. 61.
  • 14. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 7; ebd., Verbatim Record, S. 105; Poirier, Atrocity, S. 62.
  • 15. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 14; ebd., Review, S. 7-8; ebd., Verbatim Record, S. 106; Poirier, Atrocity, S. 62; Solis, Marines, S. 53.
  • 16. Poirier, Atrocity, S. 62-63.
  • 17. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 72, 110, 195-196; Poirier, Atrocity, S. 141.
  • 18. Siehe zur Sozialstruktur der US-Streitkräfte in Vietnam: Christian G. Appy, Working-Class War: American Combat Soldiers and Vietnam, Chapel Hill 1993.
  • 19. Poirier, Atrocity, S. 62-63, 136.
  • 20. Ebd., S. 136.
  • 21. Ebd.; NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 2.
  • 22. NARA, RG 127, Records of the United States Marine Corps, Headquarters Marine Corps History and Museum Division, Background and Draft Materials For „U.S. Marines in Vietnam: The Defining Year 1968”, Box 14, Shulimson, US Marines in Vietnam 1966, An Expanding War, S. 1. Siehe auch den Schlussbericht von Jack Shulimson, U.S. Marines in Vietnam: An Expanding War, Washington, D.C. 1982, S. 3-36.
  • 23. NARA, RG 127, Records of the U.S. Marine Corps, Command Chronologies, 1965-1979, 1st Battalion, 5th Regiment, May-Dec 1965 to 1st Battalion, 5th Marine Regiment, February 1967, Box 372, Folder: 1/5 Marines, September 1966, 1st Battalion, 5th Marines, Combat Operation After Action Report; Operation NAPA, undatiert, unpaginiert [S. 3].
  • 24. NARA, RG 472, Records of the U.S. Forces in Southeast Asia, 1950-1975, Hdqrts, Military Assistance Command Vietnam (MACV), Secretary of the Joint Staff - Military History Branch, Annual Command Histories, 1964-1973, Command History 1966 to Command History 1966, Box 3, Folder: MACV Command History 1966, Final Determination, Command History 1966, S. 846.
  • 25. NARA, RG 127, Records of the United States Marine Corps, Headquarters Marine Corps History and Museum Division, Background and Draft Materials For „U.S. Marines in Vietnam: The Defining Year 1968”, Box 14, Shulimson, US Marines in Vietnam 1966, An Expanding War, S. 194.
  • 26. Ebd., S. 214. Michael A. Hennessy, Strategy in Vietnam: The Marines and Revolutionary Warfare in I Corps, 1965-1972, Westport, CT 1997, S. 43-49.
  • 27. Ebd., S. 69; Poirier, Atrocity, S. 59, 134, 141.
  • 28. NARA, RG 127, Records of the U.S. Marine Corps, Command Chronologies, 1965-1979, 1st Battalion, 5th Regiment, May-Dec 1965 to 1st Battalion, 5th Marine Regiment, February 1967, Box 372, Folder: 1/5 Marines, September 1966, 1st Battalion, 5th Marines, Command Chronology, S. 6.
  • 29. Ebd., S. 5.
  • 30. Ebd., S. 2; ebd., Chronological Sequence of Events, S. 1-8; NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Review, S. 9. Siehe auch: Poirier, Atrocity, S. 59, 134, 141.
  • 31. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 72, 110; ebd., Box 4, Folder: Copies of Items in Mr. Bill Anderson’s File, Review of Attached Record of Trial, Case of Private First Class James H. Boyd, Jr., 2192820, U.S. Marine Corps, S. 2.
  • 32. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 3, 5; ebd., Verbatim Record, S. 36, 38, 56; ebd., Box 4, Review, S. 2-5; Poirier, Atrocity, S. 59; Solis, Justice, S. 59-60.
  • 33. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 111; Poirier, Atrocity, S. 59-60.
  • 34. Ebd.
  • 35. Ebd., S. 60, 63.
  • 36. Ebd., S. 63.
  • 37. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 38.
  • 38. Ebd., S. 37, 39, 58, 111; ebd., Board of Review, S. 3-4, 7; Poirier, Atrocity, S. 60, 63, 134.
  • 39. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 7; ebd., Verbatim Record, S. 67, 118.
  • 40. Poirier, Atrocity, S. 62, 134, 136; Solis, Marines, S. 53.
  • 41. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 2-4, 10, 13, 14; ebd., Review, S. 4-6, 8; ebd., Verbatim Record, S. 120-121.
  • 42. Ebd., Board of Review, S. 8. Siehe auch: Ebd., S. 2-3, 13-14; ebd., Review, S. 4-6, 8; ebd., Verbatim Record, S. 120-121; Poirier, Atrocity, S. 132.
  • 43. Ebd.; siehe auch: NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 128.
  • 44. Ebd.; siehe auch: Ebd., S. 63; NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 5-7, 13; ebd., Review, S. 4-5, 8; ebd., Verbatim Record, S. 46-47, 69, 74, 120-123.
  • 45. Ebd., Board of Review, S. 4; ebd., Review, S. 6; ebd., Verbatim Record, S. 47-48; Poirier, Atrocity, S. 61.
  • 46. Ebd., S. 63.
  • 47. Ebd., S. 136-137.
  • 48. Ebd., S. 141.
  • 49. Ebd., S. 137.
  • 50. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 72. Siehe auch: Ebd., S. 70-71.
  • 51. George S. Prugh, Law at War: Vietnam 1964-1973, Washington, D.C. 1975, S. 72-73.
  • 52. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Naval Clemency And Parole Board, 10.06.1971, unpaginiert [S. 1]; ebd., Board of Review, S. 2; ebd., Verbatim Record, S. 201-202; Poirier, Atrocity, S. 140; Solis, Marines, S. 53-54.
  • 53. Ebd., S. 54. Siehe auch: Ebd., S. 282; ders., Justice, S. 68-69, 74-75.
  • 54. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 10.
  • 55. Poirier, Atrocity, S. 140. Siehe auch: Solis, Marines, S. 282.
  • 56. Ebd., S. 54, 282; Poirier, Atrocity, S. 140-141. Siehe auch: NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 4, Folder: War Crimes - Copies of Items in Mr. Bill Anderson’s File, Review of General Court-Martial Record, Case of Second Lieutenant Stephen J. Talty, 093474, U.S. Marine Corps Reserve, 07.05.1967.
  • 57. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Verbatim Record, S. 196. Siehe auch: Poirier, Atrocity, S. 140; Solis, Marines S. 54.
  • 58. NARA, RG 127, HQMC: HD, Trial, Box 1, Folder: Original Verbatim Record, Board of Review, S. 2. Zur abschließend angerissenen Thematik vgl.: Bernd Greiner, „You‘ll Never Walk Alone“: Amerikanische Reaktionen auf Kriegsverbrechen in Vietnam, in: Mittelweg 36, 5, 2000, S. 49-73 und ders., Krieg ohne Fronten, S. 486-510 sowie Patrick Hagopian, American Immunity: War Crimes and the Limits of International Law, Amherst, Mass. 2013. Zu sexueller Gewalt im Vietnamkrieg siehe: Bernd Greiner, Das alltägliche Verbrechen - Sexuelle Gewalt im Vietnamkrieg, in: Peter Gleichmann, Thomas Kühne (Hg.), Massenhaftes Töten: Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert, Essen 2004, S. 224-243; Gina Marie Weaver, Ideologies of Forgetting: Rape in the Vietnam War, New York 2010; Joanna Bourke, An Intimate History of Killing: Face-To-Face Violence in Twentieth-Century Warfare, London 1999, S. 171-181.
  • 59. Greiner, „You’ll Never Walk Alone“, S. 70.
Takuma Melber

Zitierempfehlung

Marcel Berni, Der Überfall auf Xuan Ngoc - Ein vergessenes Kriegsverbrechen, in: Portal Militärgeschichte, 7. November 2016, URL: http://portal-militaergeschichte.de/node/1668. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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