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100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte

Von der privaten Kriegssammlung zu einer der größten europäischen Spezialbibliotheken zu Krisen und militärischen Konflikten
Von: 
Christian Westerhoff
britische Feldpostbriefe, 1915 ins Französische übersetzt (aus der Sammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte)

Im November 1915 wurde die „Weltkriegsbücherei“ gegründet, die heutige Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ) in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Zum 100-jährigen Jubiläum zeigt die Landesbibliothek vom 20. November 2015 bis 9. April 2016 die Ausstellung „100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte“.

Während des Ersten Weltkriegs entstanden zahlreiche sogenannte Kriegssammlungen, die es sich zur Aufgabe machten, den Krieg möglichst umfassend zu dokumentieren. Im November 1915 gründete der schwäbische Industrielle Richard Franck in Berlin seine eigene Sammlung. Aus dieser Privatsammlung ging die Weltkriegsbücherei hervor, die sich seit 1920 im Schloss Rosenstein in Stuttgart befand. Sie entwickelte sich bald zu einer bedeutenden Forschungsstätte zu Ursachen, Verlauf und Folgen des Ersten Weltkriegs. 1948 in „Bibliothek für Zeitgeschichte“ umbenannt, ist sie heute eine der größten Spezialbibliotheken zu Politik und Geschichte seit 1914 in Europa. Die Ausstellung gibt einen Einblick in die bewegte 100-jährige Geschichte der Bibliothek. Im Zentrum stehen sechs „Zeitfenster“, die wichtige Stationen und Wendepunkte in der Entwicklung der Bibliothek aufgreifen.

1915

Der Erste Weltkrieg wurde nicht nur mit Granaten und Maschinengewehrsalven ausgetragen, sondern auch mit Hilfe von Massenmedien und Propaganda. Schon bald nach Kriegsausbruch begannen Archive und Bibliotheken – aber auch Privatpersonen – diesen „Papierkrieg“ zu dokumentieren und die massenhaft in Umlauf gebrachten Zeitungen, Bücher, Fotos, Plakate, Flugblätter, Postkarten und anderen Medien zu sammeln. Selbst Materialien wie Notgeld, Lebensmittelkarten oder Agitationsmarken wurden akribisch erfasst. Eine dieser Kriegssammlungen wurde im November 1915 von dem aus Ludwigsburg stammenden Unternehmer Richard Franck gegründet, dessen Firma „Heinrich Franck Söhne“ während des Krieges mit Ersatzkaffee große Gewinne einfuhr. Es entstand eine außergewöhnliche Sammlung, die insbesondere wegen ihrer internationalen Bestände aus der Masse der Kriegssammlungen hervorstach.

1933

1933 ging ein seit Jahren von der Bibliotheksleitung verfolgter Plan in Erfüllung: die Einrichtung eines Weltkriegsmuseums zur Präsentation der umfangreichen Sammlungen. Das am 13. Mai eröffnete Museum spiegelt beispielhaft das politische Selbstverständnis der Leitung der Weltkriegsbücherei in der NS-Zeit. Der Krieg sollte in allen seinen Facetten dokumentiert und gleichzeitig die Schuld der Revolutionäre vom November 1918 an Zusammenbruch und Niederlage der Deutschen bewiesen werden. Gezielt wurden die Besucher auf die Folgen des als ungerecht und unakzeptabel dargestellten Versailler Vertrages gelenkt. Schlaglichtartig zeigt sich hier, wie die Nationalsozialisten das Trauma des Ersten Weltkriegs instrumentalisieren konnten. Bald diente das Museum nicht nur der Darstellung des vergangenen, sondern auch der Legitimation eines kommenden Krieges.

1944/45

Der Zweite Weltkrieg führte trotz kriegsbedingter Einschränkungen zunächst zu einer Ausweitung des Sammelspektrums der Bibliothek. Gleich nach Beginn der Kampfhandlungen wurde begonnen, auch zum Zweiten Weltkrieg umfangreiche Bestände an Feldzeitungen, Fotos und anderen Materialien anzulegen. Der Bibliotheksleitung gelang es, unter anderem mittels guter Kontakte zu hochrangigen Vertretern des NS-Regimes, die institutionelle Eigenständigkeit der Bibliothek zu erhalten. Die Nacht vom 12. auf den 13. September 1944 setzte dann eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Bibliothek. Bei den Luftangriffen auf Stuttgart trafen zahlreiche Brandbomben auch Schloss Rosenstein. Das Gebäude und die nicht ausgelagerten Bestände wurden ein Raub der Flammen. Nach dem Krieg beschlagnahmten die Alliierten zunächst einen Großteil der verbliebenen Bestände, die zum Teil sogar in die USA verschifft wurden. Die finanziellen Grundlagen waren weitgehend zerrüttet. Dennoch wagte man nach 1945 einen schwierigen, aber erfolgreichen Neubeginn unter dem Namen „Bibliothek für Zeitgeschichte“.

1959

1959 übernahm der Historiker Jürgen Rohwer die Leitung der BfZ. Die ersten Jahre seiner Amtszeit standen im Zeichen der Wiederbewaffnung Deutschlands und des Kalten Krieges. Unter Rohwers Führung richtete die Bibliothek ihr Augenmerk auf die Aufarbeitung der militärischen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und auf die Dokumentation der militärischen Kapazitäten des Ostblocks. Sein besonderes Interesse galt dabei der Marine. Im Kontext der Zeitschrift „Marine-Rundschau“, deren langjähriger Hauptschriftleiter er war, entstand ein großes Fotoarchiv, Grundstock der heutigen Sondersammlung „Marine“ der BfZ. 1978 beteiligte sich die Bibliothek mit einem großen Kongress an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Funkaufklärung im Zweiten Weltkrieg. Erst 30 Jahre nach Kriegsende war bekannt geworden, dass es den Briten gelungen war, mit der Enigma verschlüsselte Funksprüche zu entziffern, was ihnen erhebliche Vorteile beim U-Boot-Krieg im Atlantik verschafft hatte.

1972

Die Studentenrevolte und die Außerparlamentarische Opposition (APO) stellten nicht nur mit Aktionen die verkrusteten Strukturen der Gesellschaft in Frage, sondern produzierten auch eine Fülle von Broschüren, Plakaten und Flugblättern. Bald splitterte sich die Studentenbewegung in zahlreiche Gruppen und Initiativen auf, aus denen unter anderem die Friedens- und die Menschenrechtsbewegung hervorgingen. Die Mensatische an den Universitäten quollen über von Pamphleten, Aufrufen, Veranstaltungshinweisen und Ähnlichem. Um sicherzustellen, dass dieses flüchtige Material nicht verloren ging, richtete die BfZ 1972 mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die „Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur“ ein, die heutige Sammlung „Neue Soziale Bewegungen“. Studenten in ganz Deutschland wurden beauftragt, die politischen Aktivitäten in ihrer Stadt im Blick zu behalten und Materialien an die BfZ abzuliefern. Es entstand eine einmalige Sammlung von außerhalb des Buchhandels erschienenen Publikationen, die die gesellschaftlichen Umbrüche in der Bundesrepublik von 1965 bis 2005 dokumentiert.

2000

Im Jahr 2000 wurde die BfZ zu einer Abteilung der Württembergischen Landesbibliothek. Aus einer ursprünglich privaten Sammlung, die schon viele Jahre lang öffentliche Förderung erhielt, war nun eine Landeseinrichtung geworden. Seit 1949 befand sich die Bibliothek im Gebäude der Württembergischen Landesbibliothek und arbeitete im Laufe der Jahre bei Bestandsabsprachen und Benutzerdiensten eng mit dieser zusammen. Im Verlauf der 1990er Jahre hatte sich die BfZ zu einer bedeutenden Forschungseinrichtung der neueren Kulturgeschichte der Kriege entwickelt. Mit einer eigenen Schriftenreihe trug die BfZ zur Etablierung dieser Forschungsrichtung bei. 2003 erschien die erste Ausgabe der „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“, die heute als das Standard-Nachschlagewerk gilt. Bereits 1990 hatte der neue Direktor Gerhard Hirschfeld zudem eine vielbeachtete öffentliche Vortragsreihe zu Politik und Zeitgeschichte ins Leben gerufen. Mit dem Erwerb der „Sammlung Sterz“ schuf die Bibliothek den Grundstock für ihre Lebensdokumentensammlung, die heute mehr als 135.000 Feldpostbriefe und Tagebücher aus beiden Weltkriegen enthält und eine wichtige Anlaufstelle für die internationale Forschung darstellt.

Die Bibliothek heute

Die Bibliothek zählt heute mehr als 390.000 Bücher und 470 Zeitschriftentitel. Sammelschwerpunkte bilden internationale Kriege und Konflikte, Völkermord sowie Außen- und Sicherheitspolitik. Darüber hinaus verfügt die Bibliothek über umfangreiche Sondersammlungen zur Zeit der Weltkriege, zur Marine und zu den Neuen Sozialen Bewegungen. Diese enthalten ausgedehnte Bestände unterschiedlichster Materialien wie Fotos, Plakate, Flugblätter, Karten, Briefe und Tagebücher. Regelmäßig finden öffentliche Vorträge zu Politik und Zeitgeschichte statt.

 

Praktische Informationen

100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte Ausstellung im Buchmuseum der Württembergischen Landesbibliothek

Konrad-Adenauer-Straße 8, 70173 Stuttgart

20. November 2015 bis 9. April 2016

Weitere Informationen: http://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/ve...

Zum Jubiläum erscheint die Publikation „100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte. 1915 – 2015“, hrsg. von Christian Westerhoff. 176 Seiten, zahlreiche Abbildungen.

Takuma Melber

Zitierempfehlung

Christian Westerhoff, 100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte. Von der privaten Kriegssammlung zu einer der größten europäischen Spezialbibliotheken zu Krisen und militärischen Konflikten, in: Portal Militärgeschichte, 21. März 2016, URL: http://portal-militaergeschichte.de/node/1532. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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