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Gründungsmythos und nationales Gedächtnis

Wiedergeburt der italienischen Nation in der Resistenza
Von: 
Kerstin von Lingen

„Memory is not only a victory over time, it is also a triumph over injustice“, so Elie Wiesel anlässlich der Eröffnung des Washingtoner Holocaust Museums im Jahr 1993.1 Erinnerung formt, so die Aussage, nicht nur die eigene nationale Identität, sondern ist auch geeignet, angesichts nationalen schuldhaften Verhaltens das Gleichgewicht zwischen Tätern und Opfern wieder herzustellen. Als Überlebender der NS-Verbrechen stellte Wiesel damit eine Forderung für den internationalen Umgang mit der Vergangenheit, die nach dem Ende des Kalten Krieges richtungweisend wurde.2

Gesellschaftliche Umbrüche infolge militärischer oder politischer Konflikte haben die Welt im 20. Jahrhundert geprägt. Dem Ende des Krieges folgte eine längere Übergangsphase gesellschaftlicher Transformation, in der die Nation eine Unterscheidung in die „Guten“ und die „Bösen“ auf Grundlage des Verhaltens in der Kriegszeit vornahm. Der Erfolg der Abrechnungsphase galt als Indikator für die Stabilität der Nachkriegsstaaten. Der erzielte „Gründungskonsens“ darüber, was der neue Staat erinnern sollte, wurde Grundlage für die Neudefinition nationaler Identität und formte dessen moralisch-gesellschaftliche Basis. Aus der Art des Zustandekommens gesellschaftlichen Friedens nach der Abrechnung können Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie sich die Säuberungsprozesse auf die Ordnungskonfiguration der nationalen Identität auswirkten.

Die Verarbeitung der Konflikterfahrungen wurde überall in Europa zum Schlachtfeld unterschiedlicher Narrative, die sich nur mühsam zu einem nationalen Konsens zusammenfügen ließen. Doch erst der Konsens, die Akzeptanz der Erinnerung und die Einigung auf ein nationales Narrativ, kann als identitätsstiftend für eine Gesellschaft angesehen werden.

Die drei Schlüsselfaktoren für die Analyse gesellschaftlicher Übergangsphasen sind erstens der Gründungsmythos der Nachkriegsgesellschaft, der eine Definition der Rolle der Nation während des Krieges einschließt, zweitens die Katalysatoren gesellschaftlichen Wandels, also die intellektuellen Träger oder Kritiker des Gründungskonsenses und ihre Unterstützer, und drittens die politischen Rahmenbedingungen, in welchen sich die Sinnstiftung zwangsläufig bewegt und unter welchen sie sich wandelt. War in früheren Kulturen das Vergessen die moralische Kategorie, die Gesellschaften nach Konflikten stabilisierte – man denke dabei nur an die Formel des Westfälischen Friedens („perpetua omnia et amnestia“), lässt sich im letzten Jahrhundert, insbesondere gegen dessen Ende ein Wandel konstatieren: Heute ist es das Erinnern, das politisch erwünscht ist und einen gesellschaftlichen Gesundungsprozess nach Konflikten auslösen soll.3

Das Ziel jeder Form von Vergangenheitsbewältigung sollte eine Balance zwischen Vergangenheitspolitik, Erinnerungskultur und Geschichtswissenschaft bilden; es handelt sich dabei um das Ergebnis eines dreistufigen Prozesses: erstens die Stabilisierung der Gesellschaft nach dem Konflikt, zweitens die Sinnstiftung nach einem politischen Systemwechsel durch Schaffung einer akzeptierten Erinnerungs- oder Gedenkkultur und drittens die Historisierung, also Rekonstruktion, Erklärung und Deutung der Vergangenheit. Ausgehend von der Annahme, dass wir uns als Individuen verschiedenen „Wir“-Gruppen zurechnen, unterscheidet Aleida Assmann vier spezifische Gedächtnisformationen, die Einfluss auf unser individuelles Gedächtnis wie auch auf unsere Identität haben.4 Träger von Erinnerungen sind Individuen, soziale Gruppen, politische Kollektive und Kulturen, und sie formen dementsprechend ein individuelles, soziales, kollektives oder kulturelles Gedächtnis und ebenso viele Identitäten.5 Eine besondere Spielart des kulturellen Gedächtnisses bildet das nationale Gedächtnis, das das Selbstbild, Staatsverständnis und die Gründungsmythen der Nation transportiert. Das kulturelle Gedächtnis speist sich aus einem Spannungsverhältnis „von Erinnertem und Vergessenem“; es füllt sich durch Zuschreibungen und Interpretationen, die durch Medien, Museen und Archive vermittelt und in Ritualen und Gedenkreden wach gehalten werden.6 Aus dieser Dynamik heraus ist ein kulturelles Gedächtnis im Unterschied zu einem auf Eindeutigkeit ausgerichteten nationalen Gedächtnis wandlungsfähiger, und es kann nicht losgelöst werden von seinen Ausprägungen in Texten, Bildern und dreidimensionalen Artefakten. Wo das nationale Gedächtnis mit hoher symbolischer Intensität kollektive Rituale und normative Verbindlichkeit schafft, ist das kulturelle Gedächtnis auf die individuelle Aneignung der Inhalte angewiesen.

Eine Nation schafft sich master narratives oder Meistererzählungen; die wichtigste dieser Erzählungen wird als staatstragend definiert. Der Begriff meint eine mythisch aufgeladene Gründungs-Erzählung, also eine kulturelle Konstruktion zur Schaffung eines kollektiven Selbstbildes während der Nationsbildungsphase, mit Überzeugungskraft für die Gesellschaft und erheblichem Wirkungspotenzial für Gegenwart und Zukunft. Dieses kollektive Selbstbild wird aus Interpretationen und Zuschreibungen der Vergangenheit gebildet.7 Mythen stellen deutungsoffene Konzepte dar, sie müssen immer wieder neu ausgelegt werden, wenn sie ihre Kraft nicht verlieren sollen.8 Es erfolgt so eine ständige Neuschöpfung um einen nationalen Selbstentwurf, den „Identitätskern“ (Elias Canetti) herum, „der nach außen abgrenzt, nach innen zusammenschließt und damit Verhalten legitimiert“.9 Besonders nach Konflikten ist eine Neudefinition des nationalen Selbstbildes vonnöten, um die Übergangsphase in den Nachkriegsstaat zu flankieren.

Im Umgang mit der Vergangenheit unterscheidet man drei erinnerungsrelevante Kategorien: „Angesichts einer traumatischen Vergangenheit gibt es üblicherweise überhaupt nur drei sanktionierte Rollen, die das nationale Gedächtnis akzeptieren kann: die des Siegers, der das Böse überwunden hat, die des Widerstandskämpfers und Märtyrers, der gegen das Böse gekämpft hat, und die des Opfers, das das Böse passiv erlitten hat.“10 Da die Position eines Verlierers schwer zu ertragen und daher mnemotisch zurückgewiesen wird, versuchen Gesellschaften von Verlierernationen, sich einem anderen Konzept anzuschließen. Dieser Vorgang kann durchaus disparat innerhalb derselben Gesellschaft ablaufen: Es ist denkbar, dass manche sich als Opfer sehen, manche als Widerstandskämpfer und manche als verhinderte Sieger. Zudem geht die Gedächtnisforschung davon aus, dass es nach dem Konflikt nicht unmittelbar möglich ist, alle Aspekte der schmerzlichen Erinnerung zu thematisieren, sondern dass die Gesellschaft eine Art Schonfrist oder auch „erinnerungspolitische Karenzzeit“ von 15 bis 30 Jahren benötigt, um sich zu festigen, bevor sie sich damit auseinander setzen kann.11

Verfügen Sieger und Verlierer noch grundsätzlich in Form des heroischen Gedächtnisses und der Selbstdeutung als „ehrenhafte Nation“ über eine ähnliche Semantik, verkompliziert sich die Identitätskonstruktion bis zur Unmöglichkeit des Vergleichs, wenn die Verlierernation zudem ein „Tätergedächtnis“ in das nationale Selbstbild integrieren muss, wie dies für die Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches gilt. Eine Zerstörung des nationalen Selbstwertgefühls, wie dies beispielsweise durch die „Verlierer und Täter“-Kombination entstehen kann, lässt die Niederlage total werden; dadurch muss die gesellschaftliche Identität, ähnlich dem Neustart eines Computers, komplett neu „formatiert“ werden. Derartige Prozesse werden durch externe Maßnahmen wie Re-Education und Demokratisierungsmaßnahmen unterstützt und sollen idealerweise in eine gesellschaftliche Diskussion um Schuld und Sühne münden.

Welche Gesellschaftsteile nach einem Konflikt überhaupt und in welcher Form zur Rechenschaft gezogen werden, wie sich pressure groups nach außen hin legitimieren und sich intern Gehör verschaffen, welche Wirkung ihr Engagement auf die Herausbildung nationaler Identität hat, und an welchen Punkten Narrative hinterfragt oder sogar widerrufen werden, erörtert dieser Essay.

Im Folgenden soll am Beispiel Italiens die Wirkungsweise eines solchen Gründungsmythos untersucht werden. Nationale Identitäten determinieren sich durch die Ausgangsposition bei Kriegsende: durch das Trauma der Kriegszeit ist die „Vorkriegsidentität beschädigt“12 und muss umgedeutet oder ersetzt werden. Zum Hauptproblem des neuen Staates wird dabei nicht sein Narrativ, sondern der Ausgleich zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, zumal mit denjenigen, die nicht mit der kollektiven Erinnerung konform gehen, entweder weil sie eine private Gegenerinnerung pflegen oder weil sie bewusst aus der neu definierten Nation ausgeschlossen werden. Nicht selten traf die Außenseiterrolle oder gar die Sündenbockfunktion vormalige Opfer erneut, und neben der verweigerten Erinnerung ihres Schicksals gab es für sie auch in der nationalen Zukunft keinen Platz.

Der Resistenza-Mythos diente als Gründungsmythos für den demokratischen Staat im Nachkriegsitalien. Er besagt, dass sich das neue Italien in einer nationalen Einigungswelle („zweites Risorgimento“) während der Zeit von Mussolinis Rest-Republik und der deutschen Besatzung 1943 bis 1945 selbst von Faschismus und deutscher Besatzung befreite. Dabei fragte der Mythos nicht nach dem Ort des Einzelnen während der Besatzungszeit. Dies wirkte einigend innerhalb der Gesellschaft des vom Bürgerkrieg während der Okkupation fast zerrissenen Landes.13 Denn der Mythos von der nationalen Befreiungsbewegung gab auch denjenigen Exfaschisten und Kollaborateuren, die den Säuberungswellen entgangen waren14, die Möglichkeit, ihr Engagement gegen die Deutschen in den letzten Kriegstagen als Akt des Widerstands zu deklarieren und sich in die Gruppe derer einzureihen, die aus politischen Gründen bereits seit 1943 an der Befreiung Italiens mitgewirkt hatten.

Dadurch hat sich in Italien mit dem Segen der politischen Parteien eine Erinnerungskultur herausgebildet, die auf dem antifaschistischen Gründungsmythos aufbauend eine Differenzierung der eigenen Anteile am Kriegsgeschehen, Besatzungsterror und an den Kriegsverbrechen jahrzehntelang vermieden hat. Da mit dem Sieg der Resistenza alle alternativen Entscheidungen der Jahre 1943 bis 1945 obsolet geworden waren, verdrängte eine ganze Nation die Beteiligung am Faschismus wie eine überstandene Kinderkrankheit. In der Erinnerungskultur Italiens bildete sich dadurch eine Art doppelte Kriegserinnerung an Krieg und Faschismus heraus.

In den ersten Nachkriegsjahren trennte der Resistenza-Mythos diejenigen, die gleichlautende Erinnerungen hatten, von der Masse der „anderen“, also von Kollaborateuren wie der abwartenden Mehrheit der Bevölkerung („memoria divisa“, also trennende Erinnerung). Der Gründungsmythos selbst entfaltete jedoch im Verlauf der fünfzig Nachkriegsjahre eine derartige integrative Kraft, dass zuletzt auch die primär ausgeschlossenen Gruppen einen Platz für ihre konkurrierenden Kriegserinnerungen im nationalen Gedächtnis beanspruchten und einen Geschichtskonsens einforderten.

Seit den 1990er-Jahren werben Interessengruppen, beispielsweise Soldaten und faschistische Funktionseliten, unter dem Schlagwort „memoria condivisa“ (miteinander geteilte Erinnerung) darum, ihre Entscheidung für Mussolinis letzten Staat ebenfalls als Dienst an der italienischen Nation zu verstehen. Dieses neue Konzept der „memoria condivisa“ erhält starke Unterstützung in der Politik, besonders durch die rechten Formationen um Silvio Berlusconi, wird jedoch ebenso vehement von den linken Parteien zurückgewiesen, die eine „moralische Höherwertigkeit“ der Entscheidung für den Kampf in der Resistenza reklamieren. Dieser Gegensatz zwischen linker und rechter Geschichtsinterpretation ist stark polarisierend und bestimmt das politische Tagesgeschehen und das Nationalverständnis Italiens bis heute.

 

Inhalte des Resistenza-Mythos

Die zwei Jahre deutscher Besatzung und Agonie des faschistischen Rumpfstaates zwischen 1943 und 1945 sind für die italienische Nachkriegsidentität grundlegend gewesen und wurden allgemein als entscheidender Bruch im nationalen Selbstverständnis bewertet. Die Absetzung Mussolinis im Faschistischen Großrat am 25. Juli 1943 war der Kulminationspunkt eines schleichenden inneren Ablösungsprozesses, der nach dem Kriegseintritt Italiens an der Seite Deutschlands 1940 begonnen worden war, jedoch nach Mussolinis Sturz durch die alliierte Landung auf dem italienischen Festland im Juli 1943 und den Kampf gegen Mussolinis Marionettenregime unter deutscher Besatzung noch einmal bis 1945 hinausgezögert wurde. Der italienische Philosoph Benedetto Croce hatte im Juli 1943 nach der Amtsenthebung Mussolinis und der Teilung des Landes in eine deutsch besetzte und eine alliierte, befreite Süd-Zone formuliert, Italien habe sich gerade selbst „von der faschistischen Infektion befreit“.15 Der Faschismus war in dieser Interpretation nicht mehr als ein Bazillus, der dem italienischen Volksempfinden wesensfremd war und nicht zur italienischen Kultur gehörte, mithin auch keine Wunden hinterlassen hatte, die es 1943 etwa zu behandeln oder zu heilen gegeben hätte – nach 22-jähriger Herrschaft des Faschismus in Italien eine bemerkenswerte Einschätzung.

Mussolinis Repubblica Sociale Italiana (RSI), sein letzter faschistischer Selbstversuch, kam in der Rückschau einem Bruch zwischen Führung und Volk gleich, der erst durch die Resistenza überwunden werden konnte. Die Trennung zwischen Volk und Führung bewirkte, das die RSI als eine quasi „volk-lose“ Republik von Kollaborateuren betrachtet wurde. Diese scharfe begriffliche Trennung erlaubte es nach 1945, die Tatsache zu verdrängen, dass das Volk nicht einheitlich hinter der Partisanenbewegung gestanden hatte.16 Die deutsche Fremdherrschaft unterstrich diesen Bruch auch politisch, so dass in der Eigenwahrnehmung der Kampf gegen die Besatzer ausreichte, um die nationale Ehre wiederherzustellen, ohne die Hypothek der vorausgegangenen Schuld an faschistischer Expansionspolitik in Afrika, Verfolgung politischer Gegner oder Ausgrenzung jüdischer Landsleute zu thematisieren.

Im „glorreichen Widerstand“, dem Kampf gegen die deutschen Besatzer und ihre italienischen Kollaborateure von 1943 bis 1945, schlug die Stunde der „Wiedergeburt der Nation“, zumindest in der Rhetorik. Mussolinis Tod kommentierten die Zeitungen mit der Schlagzeile: „Italien findet durch den Aufstand seine Freiheit wieder. Ende des Faschismus und Ende Mussolinis.“17 Für die Italiener war der Faschismus damit am 25. April 1945 tatsächlich auf Jahrzehnte abgeschlossen.18 „Versöhnung der Nation“ wurde zum Schlüsselbegriff, gleichsam zum nationalen Kitt eines staatlichen Wiederaufbaus.

Die Bindekraft des Gründungsmythos entfaltete sich jedoch nicht überall. Der Preis war ein jahrzehntelanges Schweigen nicht nur über die Verbrechen, sondern auch über eigene leidvolle Erfahrungen unter dem Faschismus. Ausgeschlossen von der nationalen Kriegserfahrung waren faschistische Funktionsträger, Soldaten und Kriegsgefangene und auch diejenigen, denen man einen Ehrenplatz unter den Opfern zugedacht hatte. Überraschenderweise weigerten sich nämlich manche, die Rolle des Märtyrers einzunehmen und pflegten stattdessen ihre abweichende Kriegserfahrung. In einigen von deutschen Massakern heimgesuchten Ortschaften hat sich aus Protest zur offiziellen Kriegserinnerung eine Gegenerinnerung herausgebildet, die umgekehrt nicht den deutschen, sondern den Partisanen die Schuld am Tod der Angehörigen zuschrieb und sich einem Platz in der nationalen Heldengalerie der zivilen Märtyrer jahrzehntelang konsequent verweigerte: Prominentester Fall hierfür ist Civitella Val di Chiana in der Toskana, wo bis heute Vertreter der Partisanenverbände von den Gedenkfeiern für die Opfer ausgeschlossen sind.19

Für diejenigen, die bis zuletzt in irgendeiner Form mit dem faschistischen Regime verbunden waren – sei es als Beamte, Soldaten/Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter – bot der Gründungsmythos ebenfalls keinen Platz. Beispielsweise fehlt bis heute, sieht man von Veteranentreffen einmal ab, eine akzeptierte Kriegserinnerung für die italienischen Soldaten der faschistischen Armee, für die das besondere Trauma sich aus dem schwierigen Bündnis zum Achsenpartner ergab. „Stalingrad“ hat sich im nationalen Gedächtnis Italiens, analog zur deutschen Wahrnehmung, zum Synonym einer nationalen Katastrophe und Opfererinnerung entwickelt, freilich mit verschobenem Fokus. Die italienische Lesart besagt, dass die mangelhaft versorgten und völlig unzureichend ausgerüsteten italienischen Soldaten von ihren deutschen Bundesgenossen absichtlich Hunger und Erfrierungen oder, noch schlimmer, dem sowjetischen Kriegsgefangenenlager ausgesetzt wurden, aus dem sie in der Mehrzahl niemals zurückkehrten. Dass es auf dem Rückzug der 8. italienischen Armee ebenso zu Erschießungen von Zivilisten und Juden und anderen Kriegsgräueln gekommen ist, wird erst in den letzten Jahren wissenschaftlich thematisiert.20

Ebenso wenig Platz im Heldenschrein der nationalen Kriegserinnerung Italiens wie für die wenigen Stalingrad-Überlebenden gab es für die Heimkehrer. Beschämendes Beispiel hierfür ist der Umgang mit den italienischen Militärinternierten (IMI), die – eigentlich Kriegsgefangene der Wehrmacht nach dem italienischen Frontwechsel 1943 – als Zwangsarbeiter im Reich vor sich hin vegetierten und aus Rache ernährungswirtschaftlich sogar noch unter den Ostarbeitern rangierten. Von den über 620.000 IMI’s kam die Hälfte nicht zurück, zumeist waren sie verhungert oder in den letzten Kriegstagen auf Todesmärschen erschossen worden.21 Das Schweigen über ihr Schicksal entsprang in Italien auch der Ratlosigkeit, wie ein Leiden thematisiert werden sollte, das der nationalen Rhetorik vom Einheitskampf des Volkes in der Resistenza widersprach, denn die IMI’s waren außerhalb der Kriegshandlungen aufgrund der verdrängten faschistischen Epoche beziehungsweise ihrer Bündnispolitik zu Opfern der deutschen Verbündeten geworden.

Aus dem italienischen Gründungsmythos entwickelte sich eine Interpretationslinie der Kriegsvergangenheit, die den deutschen Achsenpartner dämonisierte und den italienischen Faschismus verharmloste. Diese Sicht der Dinge wurde durch die alliierte Propaganda vorgegeben, die Italien als „good boy“ charakterisierte, der vom großen deutschen Bruder zu Untaten angestiftet worden sei22, nach 1945 beibehalten und bereitwillig von italienischen Medien, Politikern und Intellektuellen übernommen.

Die Bilder, die im Resistenza-Mythos transportiert wurden, sind für Italien identitätsstiftend gewesen. Das Bild vom „Guten Italiener“ beispielsweise, der dem „Bösen Deutschen“ mit der Waffe in der Hand entgegen tritt und Italien befreit, hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der italienischen Nation eingegraben.23 Je brutaler und rücksichtsloser der deutsche Soldat dargestellt wird, desto makelloser erscheint der Resistenzakämpfer. Das harmlosere Bild des faschistischen Gutmenschen fand eifrige Bestätigung. Auch der italienische Soldat, so die Narration, habe sich gegenüber den besetzten Völkern stets menschlich verhalten und versucht, die Brutalität der deutschen Bestien zu mildern.24 Kam es dennoch zu Verbrechen, seien sie den „Faschisten“ oder den „Kommandeuren“ anzulasten, einer kleinen, konturlosen Gruppe. Um dieses Argument zu untermauern, kamen sprachliche Entgleisungen, die die jugoslawischen Partisanen zu blutrünstigen Monstern erklärten und somit in die Nähe des deutschen Achsenpartners rückten, ebenso gelegen wie rechtfertigende Memoirenliteratur der Beteiligten.25 Italienische Offiziersmemoiren erinnerten an die menschliche Haltung italienischer Soldaten auf dem Balkan und an der Ostfront, und ehemals Verfolgte, darunter Vertreter der jüdischen Gemeinden Italiens, verwiesen auf die „vergleichsweise harmlose“ Behandlung durch die Italiener, wobei sie möglicherweise eine eigene Einbindung in die neue italienische Nation nach 1945 beschleunigen wollten.26 Die Exkulpierung gelang durch den immerwährenden Vergleich mit Nazi-Deutschland, Mussolini und die Faschisten wurden nur mit dem Maß des Nationalsozialismus gemessen – und dadurch als zu leicht befunden.

Sichtbarster Ausdruck dieses nationalen Mythos ist die Wortneuschöpfung „nazifascismo“ für die Phase deutscher Okkupation und italienischer Kollaboration, das dabei half, die Verantwortlichkeiten in linguistischem Nebel zu verschleiern und eine genauere Aufarbeitung und Prüfung der Okkupationszeit zu vermeiden. Politisches Ziel dieser Polarisierung war die Rückkehr Italiens in die Staatengemeinschaft durch komplette Abkehr vom ehemaligen Achsenpartner.27

Die Filmindustrie Italiens bildete dabei dasjenige Trägermedium des Resistenza-Mythos, das die größte Breitenwirkung entfaltete. Je brutaler und rücksichtsloser der deutsche Soldat dargestellt wird, desto makelloser erscheint der Resistenza-Kämpfer. Repressalien infolge von Partisanenüberfällen passen nicht mehr in das Bild. Unter dieser Prämisse war weder an eine geregelte Strafverfolgung der deutschen Täter noch an eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Mechanismen von Kriegsverbrechen zu denken. Eine genauere Analyse von Ursache und Reaktion hätte zweifellos in manchem Fall eine weniger heldenhafte Rolle der Resistenza ergeben.

Die Betonung deutscher Grausamkeit gegenüber den italienischen Achsen-Partnern war zentral für dieses Resistenza-Verständnis. Die Sakralisierung nationalen Leidens und der Kult um ermordete Zivilisten, die als „Märtyrer“ des Befreiungskampfes verehrt wurden, fand starken politischen Ausdruck im Kult um das Nationaldenkmal zur Erinnerung an die 335 Opfer des deutschen Vergeltungsschlags für ein Attentat in den Fosse Ardeatine bei Rom. Deutlich kommt dies auch in der Filmproduktion der ersten Nachkriegsjahre zum Tragen, die die Leiden der Widerstandskämpfer gegen den Feind, der stets ein Deutscher war, in den Mittelpunkt stellte und ganz entscheidend dazu beitrug, „der Resistenza eine nationale und eine populäre Dimension zu verleihen“. Bekannteste Beispiele für die Schlüsselrolle der Filmindustrie bei der Ausformung des neuen Nationalverständnisses sind Luchino Viscontis „Giorni di Gloria“ (1945), Roberto Rosselinis „Roma Città aperta” (“Rom offene Stadt”, 1945), Aldo Verganis „Il sole sorge ancora“ (1946) und Carlo Lizzanis „Achtung! Bandit!” (1952).28 Nimmt man den wohl auch im Ausland bekanntesten Film „Rom offene Stadt“ als Beispiel, werden die gängigen Grundelemente „Nazi-Faschismus“, Einheit zwischen Volk und Partisanen und unsagbares Leiden ganz deutlich. Durch die Fokussierung auf die beiden Hauptfiguren, den zu Tode gefolterten Kommunisten und den Priester, wird die Einheit Italiens für alle Zuschauer sinnfällig gemacht. Der Film prägte die Sicht auf die letzten beiden Kriegsjahre wie kein anderer: „Roma città aperta“ wurde in den Rang eines Dokumentarfilms erhoben und später sogar in der Schule behandelt.

 

Veränderung des Gründungsmythos: Vom Antifaschismus zum Antikommunismus

Der Antifaschismus diente als Gründungskonsens auch für die Politik, wurde aber seit dem Friedensvertrag Italiens 1947 mit den Alliierten und der Zuspitzung des Kalten Krieges von einem antikommunistischen Paradigma überlagert. Die Begriffe „Partisan“ und „Einheit“ Italiens wurden zu einem nationalen Mythos verschmolzen, an dem auch die Kommunisten teilhaben durften. Doch diese Teilhabe war mancherorts nur rhetorisch: Trotz des überdurchschnittlich hohen Anteils kommunistischer Partisanenformationen an der Befreiung des Landes wurde ihnen der Zugang zur politischen Macht durch die alliierte Militärregierung in vielen Punkten verweigert, da die Alliierten eine kommunistische Machtübernahme in Norditalien mit allen Mitteln verhindern wollten.

Dadurch spaltete sich der zunächst einigende nationale Freiheitskampf in zwei Spielarten des Resistenza-Mythos auf, einen christdemokratisch orientierten und einen kommunistischen Mythos. Anlässlich der Reden zu nationalen Gedenktagen, beispielsweise dem nationalen Geburtstag, dem „Tag der Befreiung“ am 25. April, zeigt sich dies deutlich. In den 1960er-Jahren wurde die Resistenza zur „politischen Grundlage der Republik“, die sich alljährlich selbst feierte.29 Konservative Parteien nutzten die Gelegenheit, um auf den Beitrag „ihrer“ Widerstandskämpfer an der Befreiung hinzuweisen und den zukünftigen Kampf gegen jede Art von Totalitarismus anzukündigen und ihren Antikommunismus damit zu unterstreichen, während kommunistische Fest-Redner den heroischen Kampf und die Opfer der kommunistischen Widerstandsgruppen ehrten und auf die antifaschistische Einheit verwiesen. Das Gedenken wurde unter der Mitte-Links-Regierung seit 1963 zum „Synonym für die Erinnerung an den Krieg im Allgemeinen“, das Gedenken für andere politische Ziele instrumentalisiert.30

Mit der Studentenrevolte 1968 und der terroristischen Gewaltwelle in den 1970er-Jahren geriet die kommunistische Partei durch ihre Nähe zu den Idealen der Linksterroristen unter Druck, das Schlagwort von der „Resistenza rossa“ machte die Runde. Zwar entfernte sich die PCI immer mehr von Moskau, doch die ursprünglichen revolutionären Ideale der Widerstandsbewegung nach Schaffung einer Volksdemokratie in Italien erhielten neue Nahrung und wurden breit diskutiert: „Die Resistenza ist nicht christdemokratisch, sondern rot!“ war einer der Schlachtrufe der Bewegung.31 Dadurch drohte der gesellschaftliche Gründungskonsens der Befriedung zwischen Christdemokraten und Kommunisten und mit ihm der Resistenza-Mythos zu zerbrechen. Nach der Ermordung Ministerpräsident Aldo Moros 1978, der die „nationale Solidarität“ und Einheit beschworen hatte, war der Gründungskonsens nachhaltig erschüttert.32 Das Bild der Resistenza verdunkelte sich im Tränengasnebel gegen die selbsternannten Widerstandskämpfer der „Brigate Rosse“ und wurde zu etwas Negativem. „Einst von ‚Roma Citta aperta’ angezogen und mitgerissen, neigte dreissig Jahre später ein Großteil der Bevölkerung dazu, mit der Resistenza rossa auch die Resistenza im Ganzen abzulehnen.“33

Zu Beginn der 1980er-Jahre waren deutliche Ansätze einer Neuinterpretation der Resistenza-Vergangenheit unübersehbar, das Bild vom Bürgerkrieg und somit auch das Interesse an der Beteiligung von Italienern an Verbrechen wuchs. Beispielsweise wurde das Attentat in der via Rasella, das dem deutschen Vergeltungsschlag in den Fosse Ardeatine vorausgegangen war, vor Gericht aufgrund der Klage der Hinterbliebenen gegen die kommunistischen Attentäter, bisher als Nationalhelden gefeiert, nun als terroristischer Akt gegen das italienische Volk verurteilt.34

Einig waren sich die italienische konservative wie kommunistische Partei auch in einer verharmlosenden Definition des Faschismus.35 Die Interpretation des Faschismus als „Operettenregime“ gab die Möglichkeit, das Volk insgesamt von der Beteiligung an einem mörderischen Krieg gegen jüdische Mitbürger oder besetzte Völker freizusprechen. Diese Exkulpierung gelang durch den immerwährenden Vergleich mit Nazi-Deutschland: Mussolini und die Faschisten wurden nur mit dem Maß des Nationalsozialismus gemessen – und dadurch für zu leicht befunden. Die ständige Betonung unpolitischer Charaktereigenschaften fand über den Umweg des Journalismus Eingang in die Forschung. Den politischen Kommentatoren wie Indro Montanelli, Arrigo Petacco, Antonio Spinosa, Mario Cervi und Roberto Gervaso kam dabei diskursprägende Bedeutung zu, wenn sie das Bild eines lächerlich wirkenden Dilettanten Mussolini unzählige Male beschworen.

Dies führte Ende der 1980er-Jahre zu einer Entfaschistisierung (Defascistizzazione) des Faschismus. Der Historiker Renzo de Felice griff in seiner sechsbändigen Monumentalbiographie über Mussolini dieses Bild in der Forschung auf. Obwohl De Felice das Verdienst gebührt, den totalitären Aspekt des Faschismus analysiert und zurechtgerückt zu haben, hat er auf der anderen Seite gerade mit der Fokussierung auf die Schwächen der Führerpersönlichkeit Mussolini das faschistische Regime auf die autoritäre Herrschaft einer einzelnen Person reduziert und dadurch der italienischen Gesellschaft der 1930er-Jahre jede Beteiligung abgesprochen und eine Absolution erteilt.36 Selbst von Seiten angelsächsischer Wissenschaftler ist an diesem harmlosen Bild festgehalten worden, was eine kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des faschistischen Regimes ebenfalls behinderte. Zu nennen wäre hier etwa die Arbeit Jonathan Steinbergs über die Judenverfolgung in Italien, die häufig den Vergleich zu Deutschland bemüht und dadurch zum Beispiel die italienischen Rassegesetze im Schulwesen, die den deutschen vorausgingen (und nicht umgekehrt!37) relativiert.38 Durch De Felices Studien ist eine revisionistische Sicht auf den Faschismus etabliert worden, der die ihm eigene totalitäre Dynamik verharmloste und zum moralischen Rüstzeug neuerer Parteien wie etwa der Berlusconi-Partei „Forza Italia!“ nach 1994 wurde.

 

Nach 1990: „Nationale Versöhnung?

Die 1990er-Jahre schließlich standen angesichts einer Erschütterung des gesamten italienischen Parteiensystems und eines dadurch aufbrechenden Generationenkonflikts im Zeichen der Schlussstrich-Mentalität einer „nationalen Versöhnung“ zwischen Antifaschisten und Faschisten.39 Der Zusammenbruch des Kommunismus 1989 und die Auflösung der mächtigen kommunistischen Partei Italiens hat zur Destabilisierung ebenso beigetragen wie der Untergang der Regierungspartei „Democrazia Cristiana“ in einem beispiellosen Korruptionsskandal. Mit der 1990 erfolgten Wiedervereinigung Deutschlands kam ein weiteres destabiliserendes Element im nationalen Selbstverständnis der Italiener hinzu.

Silvio Berlusconi füllte 1994 mit seiner neu gegründeten Partei „Forza Italia“ („Vorwärts Italien“) nicht nur ein politisches und institutionelles Vakuum, sondern auch ein nationales: Es gelang ihm, eine neue nationale Identität zu schaffen, die sich durch seine Allianz mit den Neuen Rechten, der Alleanza Nazionale unter Gianfranco Fini, bald in neo-faschistischer Richtung entwickelte und 2001 erneut im Amt bestätigt wurde. Führende Intellektuelle des Landes flankierten diesen Umdeutungsprozess mit theoretischen Schriften, so Ernesto Galli della Loggia, einflussreicher Kommentator der Tageszeitung „Corriere della Sera“, mit seinem Essay von der Krise des Nationalen zwischen Resistenza, Antifaschismus und Republik.40 Der Dienst an der Nation, selbst wenn er in gutem Glauben auf faschistischer Seite geleistet worden war, wurde nun höher bewertet als das lebensgefährliche Bekenntnis zum Widerstand. Während das antifaschistische Paradigma mit der Demontage des Resistenza-Mythos unter großer Anteilnahme der Gesellschaft und dem Klageruf „la morte della patria“ („Tod des Vaterlandes“) verloren ging, hat sich das antikommunistische Paradigma in der italienischen Politik durchgesetzt.

Kann man in der Politik seit Mitte der 1990er-Jahre eine gewisse Pattsituation zwischen linker und rechter Interpretation der Vergangenheit beobachten, so hat sich die Kulturlandschaft Italiens längst von der alten Rhetorik abgewandt und ist dabei, der Bevölkerung auch die Schattenseite der Geschichte begreiflich zu machen. So hat gerade der Film Roberto Benignis „La Vita è bella“ signifikant dazu beigetragen, das Bewusstsein einer italienischen Mittäterschaft an der Ermordung der Juden zu schärfen, und dafür den „Oscar“ erhalten. Bedauerlicherweise ist diese Tendenz jedoch in Hollywood noch nicht angekommen, wie der dem alten Klischee vom Latin Lover im Krieg verhaftete Film „Corellis Mandoline“ (2001) belegt. Benignis Film hat dagegen in Italien einen neuen Erinnerungsraum aufgestoßen, der sich dem Gedächtnis des Holocaust widmet; unzählige Dokumentationen über Rettungsaktionen jüdischer Mitbürger wurden in der Folge an die Öffentlichkeit gebracht.41 2001 wurde auch in Italien der 27. Januar als nationaler Gedenktag der Ermordung der europäischen Juden eingeführt, und die Wochenzeitschrift „L’Espresso“ lobte „la memoria ritrovata“ – die wieder gefundene Erinnerung.

Der 2001 beschlossene Gedenktag für die ermordeten Juden Europas orientiert sich am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, also am 27. Januar. Kritiker bemängeln, dass so wieder die Chance vertan worden sei, eine Verbindung zum italienischen Antisemitismus zu ziehen und erneut auf die Monstrosität des großen deutschen Bruders angespielt werde. Doch ist der Auschwitz-Gedenktag vor allem als Station Italiens auf dem langen Marsch nach Europa zu sehen und weist politisch auf eine Abkehr vom Nationalen und eine Hinwendung zu einer gesamteuropäischen Erinnerungskultur, für die der Holocaust seit etwa Mitte der 1990er-Jahre zum verbindenden und mahnenden Element geworden ist.

Gleichzeitig versuchte die Regierung Berlusconi, den Antikommunismus stärker ins politische Leben zu integrieren.42 Dies zeigt sich deutlich an der Zunahme von Gedenktagen, die an Verbrechen des Kommunismus erinnern. Als nationaler Gedenktag für die Ermordung italienischer Zivilisten durch Titopartisanen im Sommer 1945 in den istrischen Karsthöhlen („Foibe“) wurde der 10. Februar festgelegt, der Tag des Friedensvertrags 1947. Dies ist ein Beispiel für die gelungene Instrumentalisierung von Geschichte: Mit dem Friedensvertrag wurde ein Schlussstrich unter einen Krieg gezogen, der in der Wahrnehmung der meisten Italiener allenfalls von einer Handvoll Faschisten gewollt worden war und verloren wurde. Der Nexus zwischen der Ermordung der vertriebenen Italiener aus Istrien mit der kriegerischen Expansion unter dem faschistischen Regime wird in der öffentlichen Erinnerungskultur Italiens dagegen vermieden.

Der erneute Machtwechsel von Berlusconi zu Romano Prodi und seiner Regierung aus dem Mitte-Links-Bündnis 2006 hat offenbart, dass der Resistenza-Mythos zum Argument im politischen Kampf um das Ticket nach Europa geworden ist. Anlässlich des wieder eingeführten nationalen Feiertags am 2. Juni 2001, dem Tag der Abschaffung der Monarchie, beschwor Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi den Nexus zwischen der Entscheidung für die Republik am 2. Juni 1946 und dem Tag der Befreiung am 25. April 1945.43 Er unterstrich damit, dass die Liberazione als einigender Faktor das Grundgerüst der italienischen Nation darstelle.

Um die Abwahl seines Gegners zu beschleunigen, bediente sich auch Romano Prodi 2006 einer Resistenza-Rhetorik: Das Land müsse alle Kräfte bündeln wie damals in den glorreichen Tagen der Resistenza, um den Anschluss an Europa sicherzustellen. Dies könne nur durch Rückbesinnung auf nationale Werte wie Würde, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Respektierung der Menschenrechte gelingen – und somit, das sagte er nicht explizit, wohl kaum unter der Regierung Berlusconis.44 Der Widerstandsmythos wurde somit von Prodi in eine Version für das 21. Jahrhundert transferiert. Wollte man 1945 mit der Schaffung des Mythos positiv an der Nachkriegsordnung Europas partizipieren, soll dieser neue Resistenza-Mythos nun den Weg in ein vereintes Europa flankieren. Berlusconi wurde zwar abgewählt, aber im Februar 2008 erzwang er Neuwahlen, die ihn zum neuen Premier Italiens machten. Prodi selbst trat nicht mehr an, das Linksbündnis wurde vom Oberbürgermeister Roms, Walter Veltroni, geführt und war Berlusconi deutlich unterlegen; welche Rolle Veltronis Weigerung, sich in die Tradition der Resistenza zu stellen dabei spielt, wird man später untersuchen müssen.

Berlusconis vierte Amtsperiode nach 2008 war vergangenheitspolitisch von der Strategie der Eindämmung der Last der Vergangenheit dominiert: Zwar wurden Verbrechen des faschistischen Staates sowie der deutschen Besatzer nicht mehr geleugnet, Entschädigungsklagen blieben aber weiterhin erfolglos. Deutlich wurde in dieser Amtsperiode auch, dass Italien den Anschluss an die internationale Staatengemeinschaft suchte und dabei die Rolle eines verlässlichen Partners internationaler Vereinbarungen unterstrich. Diese Haltung führte zu der grotesken Konstellation, dass einer Entschädigungsklage von NS-Opfern gegen die Bundesrepublik, die vom obersten römischen Gerichtshof zugelassen worden war und zu Entschädigungssummen in Millionenhöhe geführt hätte, mit Unterstützung der deutschen Gegenklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag durch die römische Regierung begegnet wurde.45 Der oberste italienische Gerichtshofs hatte im Oktober 2008 entschieden, dass Deutschland etwa eine Million Euro Entschädigung wegen des Massakers der Wehrmacht im toskanischen Civitella im Juni 1944 zahlen müsse, was weitere Entschädigungsklagen nach sich gezogen hatte. Die Anrufung des Internationalen Gerichtshofs bewirkte nun, dass alle Klagen ruhen mussten – zum Nachteil der hochbetagten Opfer. Kritiker bemängelten dies als Strategie Berlusconis, auf Zeit zu spielen; manche Polemiken insbesondere aus dem links-alternativen Milieu zogen offen einen Vergleich zur Zeit des Faschismus. Das Webportal „Keine Ruhe den NS-Tätern“ schrieb etwa: „Zu diesem Zweck, so scheint es, wurde eine neue Achse Berlin-Rom gebildet, die das Ziel verfolgt, die Ansprüche der Überlebenden der NS-Verbrechen zu vereiteln. Bundeskanzlerin Merkel hat im italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi einen Verbündeten gefunden, der offenbar Sorge hat, dass auch Italien zu Recht von Überlebenden faschistischer Verbrechen in Anspruch genommen wird. Und so will man in Den Haag einen Prozess inszenieren, der von vornherein eine Farce ist.“46

Gleichzeitig regte Berlusconi anlässlich eines Gipfeltreffens mit Angela Merkel in Triest medienwirksam die Einsetzung einer Deutsch-Italienischen Historikerkommission an47, deren Arbeitsperiode seine eigene Amtszeit (bis 2011) überdauerte. Der Abschlussbericht der gemeinsamen Historikerkommission wird für Dezember 2012 erwartet. Dennoch ist die Intention der gemeinsamen Kommission bemerkenswert: Die Außenminister beider Länder, Frank-Walter Steinmeier und Franco Frattini, kamen überein, dass nur eine möglichst genaue und detailreiche Erinnerung an den Krieg Partnerschaft und Stabilität generieren könne. Steinmeier sagte laut Redetext, Deutschland und Italien teilten die „leidvollen Erfahrungen mit totalitären Regimen“. Mit der gemeinsamen Aufarbeitung der historischen Geschehnisse „können wir eine gemeinsame Erinnerungskultur schaffen, die auf eine bessere und gemeinsame Zukunft gerichtet ist“.48 Ziel dieser politischen Initiative war jedoch nicht die Erinnerungskultur, die sich bekanntlich auf diese Weise nicht formen lässt, sondern die weitere Verbesserung der bilateralen Beziehungen. Zudem, und das zeigt die bisherige Arbeit der Kommission sehr deutlich, zeigen sich gerade im Rückblick auf die Kriegszeit die unterschiedlichen Blickwinkel beider Länder noch einmal sehr deutlich – von einer „gemeinsamen Erinnerungskultur“ kann also niemals die Rede sein, wie Kommissionsmitglied Paolo Pezzino in seiner Rede zum Kommissionstreffen 2011 in Mailand unterstrich.[49] Zudem ist fraglich, in wie weit sich die Ergebnisse einer Historikerkommission gesellschaftlich verankern lassen. Denn die Verschiebung der Rhetorik hat angesichts der tagespolitischen Probleme Italiens an der mangelnden Bereitschaft der italienischen Gesellschaft, die eigene faschistische Vergangenheit zu erinnern und dadurch aufzuarbeiten, wenig geändert. Noch ist die Debatte um die Inhalte des nationalen Selbstverständnisses, um eine trennende („memoria divisa“) oder eine einigende Erinnerung („memoria condivisa“) also nicht beendet.

  • 1. Elie Wiesel, “Interview.” Nobel Prize for Peace, Sun Valley, Idaho, 1996.
  • 2. Dieser Essay stellt eine Synthese aus weiteren Publikationen der Autorin dar, und zwar: Kerstin von Lingen, Erfahrung und Erinnerung. Gründungsmythos und Selbstverständnis von Gesellschaften in Europa nach 1945. In: Archiv für Sozialgeschichte 49 (2009), S. 149-184; dies., „Giorni di Gloria“: Wiedergeburt der italienischen Nation in der Resistenza. In: dies. (Hrsg.), Kriegserfahrung und nationale Identität in Europa nach 1945. Erinnerung, Säuberungsprozesse und nationales Gedächtnis, Paderborn 2009, S. 389-408.
  • 3. Ausführlich dazu Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 17 und zur Formel von Osnabrück S. 107; Volkhart Knigge, Abschied der Erinnerung. In: Norbert Frei, Volkhart Knigge (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 423-440, hier S. 427.
  • 4. Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 59.
  • 5. Ebd., S. 23.
  • 6. Ebd., S. 57 f.
  • 7. Ebd., S. 41.
  • 8. Nikolaus Buschmann/Dieter Langewiesche (Hrsg.), Der Krieg in den Gründungsmythen europäischer Nationen, Frankfurt a.M. 2003.
  • 9. Dieter Langewiesche, Unschuldige Mythen. Gründungsmythos und Nationsbildung in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. In: Lingen, Kriegserfahrung und nationale Identität, S. 26-41, hier S. 29.
  • 10. Aleida Assmann, Von kollektiver Gewalt zu gemeinsamer Zukunft. In: Lingen, Kriegserfahrung und nationale Identität (wie Anm. 9), S. 42-51, hier S. 47.
  • 11. Christoph Cornelißen spricht von Karenzzeit, ders., Vergangenheitsbewältigung – ein deutscher Sonderweg?, in: Katrin Hammerstein/ Ulrich Mählert/ Julie Trappe/ Edgar Wolfrum (Hrsg.), Aufarbeitung der Diktatur. Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 21-36, hier S. 26; Assmann, Lange Schatten (wie Anm. 4), S. 28, betont, dass traumatische Ereignisse etwa 15 bis 30 Jahre einer Art „Erinnerungssperre“ unterliegen, bevor das Kollektiv die Kraft aufbringt, sich damit zu beschäftigen.
  • 12. Assmann, Lange Schatten (wie Anm. 4), S. 68.
  • 13. Pierluca Azzaro, Italien – Kampf der Erinnerungen, in: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, herausgegeben vom deutschen Historischen Museum, Bd. I, Mainz 2004, S. 343-372.
  • 14. Hans Woller, Der Rohstoff des kollektiven Gedächtnisses. Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien und ihre Erfahrungsgeschichtliche Dimension, in: Christoph Cornelißen, Lutz Klinkhammer, Wolfgang Schwendtker (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt a.M. 2003, S. 67-76, hier S. 71.
  • 15. Zitiert nach Woller, Rohstoff (wie Anm. 14), S. 22.
  • 16. Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 347.
  • 17. Zitiert aus der Zeitung „Risorgimento Liberale“ nach Azzaro, Kampf der Erinnerungen, S. 345.
  • 18. Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 350.
  • 19. Giovanni Contini, La memoria divisa: Civitella Val di Chiana, Milano 1997, S. 237.
  • 20. Thomas Schlemmer, Die Italiener an der Ostfront 1942/43. Dokumente zu Mussolinis Krieg gegen die Sowjetunion, München 2005.
  • 21. Gerhard Schreiber, Die italienischen Militärinternierten im deutschen Machtbereich 1943-1945. Verraten, verachtet, vergessen, München 1990; Gabriele Hammermann, Zwangsarbeit für den Verbündeten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten in Deutschland 1943-1945, Tübingen 2002.
  • 22. Hans Woller, „Ausgebliebene Säuberung?” Die Abrechnung mit dem Faschismus in Italien. In: Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hrsg), Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991, S. 159.
  • 23. Filippo Focardi: „Bravo Italiano“ e „Cattivo Tedesco“. Riflessioni sulla genesi di due immagini incrociate, in: Storia e Memoria, 1/1996, S. 55-83.
  • 24. Lutz Klinkhammer/ Filippo Focardi: The question of Fascist Italy’s War Crimes: the construction of a self-acquitting myth, in: Journal of Modern Italian Studies 9 (3), 2004, S. 330-348, hier S. 336.
  • 25. Ebd., S. 339.
  • 26. Filippo Focardi: Italien als Besatzungsmacht auf dem Balkan. Der Umgang mit Kriegserinnerung und Kriegsverbrechen nach 1945, in: Jörg Echternkamp/ Stefan Martens (Hg): Der Zweite Weltkrieg in Europa: Erfahrung und Erinnerung, Paderborn 2007, S. 163-174, hier S. 167 f.
  • 27. Filippo Focardi, Gedenktage und politische Öffentlichkeit in Italien 1945-1995, in: Cornelißen/ Klinkhammer/ Schwendtker, Erinnerungskulturen (wie Anm. 14), S. 210-221, hier S. 210.
  • 28. Ausführlich zu den Filmen der Neorealisten Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 346-349.
  • 29. Brunello Mantelli, Revisionismus durch „Aussöhnung“. Politischer Wandel und die Krise der historischen Erinnerung in Italien, in: Cornelißen/Klinkhammer/Schwendtker, Erinnerungskulturen (wie Anm. 14), S. 222-232, hier S. 228.
  • 30. Focardi, Gedenktage (wie Anm. 23), S. 215.
  • 31. Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 356.
  • 32. Ebd., S. 358.
  • 33. Ebd.
  • 34. Ebd., S. 217.
  • 35. Filippo Focardi: La Memoria del Fascismo e il „Demone dell`analogia”, in: “Storia e regione”, Bolzano 2004, S. 4.
  • 36. Mantelli, Revisionismus (wie Anm. 27), S. 230.
  • 37. Focardi, Memoria (wie Anm. 33), S. 5.
  • 38. Jonathan Steinberg, All or Nothing.The Axis and the Holocaust 1941-1943, London 1990.
  • 39. Ebd., S. 218.
  • 40. Ernesto Galli della Loggia, La Crisi dell’idea di nazione tra resistenza, antifascismo e repubblica, Roma/Bari 1996.
  • 41. Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 360.
  • 42. Focardi, Memoria (wie Anm. 33), S. 13. Ausführlich Mantelli, Revisionismus (wie Anm. 27), S. 223.
  • 43. Filippo Focardi: La guerra della memoria. La Resistenza nel dibattito politico italiano dal 1945 a oggi, Roma 2005, S. 94-107, 110; ebenfalls Azzaro, Kampf der Erinnerungen (wie Anm. 13), S. 361.
  • 44. Marco Marozzi, Prodi evoca la nuova Resistenza: Partigiani per la dignita d’Italia. In: Auch unter http://www.cittadiniperlulivo.com/wmprint.php?ArtID=1851 (letzter Zugriff 1.4.2008).
  • 45. Süddeutsche Zeitung, 18.11.2008, Deutschland darf Italien verklagen, http://www.sueddeutsche.de/politik/treffen-von-merkel-und-berlusconi-deu... (letzter Zugriff 23.10.2012); Tagesspiegel, 18.11.2008, Rom will Urteil akzeptieren, http://www.tagesspiegel.de/politik/international/deutsche-ns-entschaedig... (letzter Zugriff 23.10.2012).
  • 46. Die Deutsch-Italienische Historikerkommission. Ein geschichtspolitisches Feigenblatt, http://www.keine-ruhe.org/2009_deutsch-italienische_Historikerkommission (letzter Zugriff 23.10.2012).
  • 47. Die Historikerkommission wird koordiniert durch die Villa Vigoni, Deutsch Italienisches Zentrum für Europäische Exzellenz, Informationen unter http://villavigoni.de/index.php?id=76&L=0 (letzter Zugriff 23.10.2012).
  • 48. Redetext Steinmeiers zitiert nach http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2008/081118-B... (letzter Zugriff 23.10.2012). [49] Bericht über das Kommissionstreffen am 6.4.2011 in Milano, Fondazione ISPI, http://www.fondazioneisec.it/allegati/news/incontro_commissione_italo_te... (letzter Zugriff 23.10.2012).
Wencke Meteling

Zitierempfehlung

Kerstin von Lingen, Gründungsmythos und nationales Gedächtnis. Wiedergeburt der italienischen Nation in der Resistenza, in: Portal Militärgeschichte, 18. Februar 2013, URL: http://portal-militaergeschichte.de/lingen_gruendungsmythos. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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