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Das Paradigma Cannae

Zu Methode und Intention der Darstellung bei Polybios und Schlieffen
Von: 
Benjamin S. Kolb
Lebendige Rezeption. 1oz Silber-Gedenkmünze zur Schlacht von Cannae, Perth 2009

Hannibal. Der Barkide, der sein Heer entschlossen, intelligent und militärisch brillant aus Iberien, über die Alpen und bis vor die Tore Roms führte. Diesem schillernden Bild verdankt diese Persönlichkeit bis heute ständig neues wissenschaftliches1 und publizistisches2 Interesse, was durch die untrennbare Verbindung des Feldherrn mit Cannae auch die Erinnerung an dieses Gefecht konserviert. Bemerkenswert ist allerdings, dass gerade zu Hannibals Person, Charakter und Motiven zahlreiche innovative Ansätze entwickelt wurden, während sich die Ausführungen zur Schlacht meist auf annähernd 100 Jahre alte Forschungsergebnisse verlassen.3 Aus diesem Grund wird in der Folge zunächst eine umfassende Quellenkritik der verfügbaren Überlieferungen unternommen und anschließend die meist herangezogene Schlachtbeschreibung des Polybios aus historiographischer Perspektive auf ihre Methode und Intention hin überprüft. Da – aus noch aufzuzeigenden Gründen – die Anfertigung einer weiteren Schlachtrekonstruktion nicht sinnvoll erscheint, erfolgt eine Verlagerung auf einen militärgeschichtlichen Rezeptionsstrang, der am Beispiel des Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen deutlich machen wird, wie eine antike Meistererzählung als Paradigma bis in die Moderne weiterwirken kann.

Rom und Karthago hatten sich nach dem I. Punischen Krieg – der im Grunde als Kampf um den Vorrang im westlichen Mittelmeerraum verstanden werden muss – mit dem sogenannten "Ebro-Vertrag" um 225 v. Chr. auf einen ersten Frieden und über ihre Interessensphären in Iberien verständigt. Das grundlegende strukturelle Problem wurde damit allerdings nicht bereinigt.4 So entbrannte mit der karthagischen Eroberung der Stadt Sagunt der zweite von insgesamt drei Punischen Kriegen, welcher bis Ende 218 v. Chr. zum Einmarsch eines Expeditionsheeres unter Hannibal in Norditalien führte. Der Barkide zog von Ticinus bis Trebia und Trasimenus von Sieg zu Sieg und schien unaufhaltsam weiter nach Süden zu drängen. Auch Cannae bildete keine Ausnahme und war, wie man wohl jenseits aller Quellenprobleme annehmen darf, eine der verheerendsten Niederlagen der Römischen Republik. Ihre herausgehobene Rolle erhielt die Schlacht genau aus diesem Umstand. Trotz des skizzierten Ausgangs in unmittelbarer Nähe zur Stadt Rom wurde sie zum Wendepunkt im genannten Feldzug. Hannibal geriet durch römische Erfolge in Iberien und neue Schutzbefohlene in Italien immer mehr unter Druck, musste die Apenninenhalbinsel bald räumen und sich letztlich sogar 202 v. Chr. bei Zama auf eigenem Boden einem römischen Heer stellen. Die punische Niederlage besiegelte das Schicksal Karthagos und kann als entscheidender Wendepunkt für die Weiterentwicklung des römischen Staatsgefüges verstanden werden.5

Zuerst steht also die vermeintlich einfache Frage im Raum: Was wissen wir über diesen einen bedeutenden Augenblick im Ringen der Römischen Republik mit ihrem nordafrikanischen Kontrahenten und wer steht hinter den diesbezüglichen Aussagen?

 

Opake Quellenlage – Ein kritischer Blick auf die Überlieferung

In einem ersten Moment mag es scheinen, als sei die "Schlacht von Cannae" eindeutig und verlässlich überliefert. Seit vielen Dekaden finden sich in populärwissenschaftlichen Abhandlungen6, geschichtswissenschaftlichen Monographien7, Aufsätzen8 und lexikalisch aufgebauten Bänden9 die immer gleichen Ausführungen zum Kampf unweit der Adriaküste: Hannibal – der herausragende Heerführer – errang 216 v. Chr. in Apulien einen triumphalen, vollständigen und eigentlich unmöglichen Sieg. Grundlage dieses unglaublichen Erfolges war eine nie dagewesene halbmondförmige Aufstellung der karthagischen Truppen, welche die deutliche numerische Überlegenheit der Senats-Legionen konterkarierte. Auf diesen kurzen Absatz können die üblichen Ausführungen zu Cannae in verschiedensten Publikationen zusammengefasst werden, die – interessanterweise – eine direkte antike Quellenangabe meist unterlassen und sich im besten Fall auf andere Forschungsliteratur beziehen und berufen.10

Doch welche antiken Quellen bilden das Fundament dieser höchst homogenen und lange etablierten Sicht der Dinge? Bei Bemühungen, den ereignisgeschichtlichen Strang einer Schlachtengeschichte zu klären, ruhen die Hoffnungen für diese vorchristliche Epoche meist auf den Gattungen Numismatik, Epigraphik oder ganz allgemein auf dem archäologischen Befund. Die Münzkunde kann für den relevanten Zeitraum lediglich Belege für den Krieg an sich, die Existenz Karthagos und einiger Feldherren liefern, speziellen zur "Schlacht von Cannae" ist sie in keiner Weise aussagefähig.11 Ernüchternd sind auch die Beiträge der Epigraphik, die lediglich mit der Duilius-Rostrata – einer typisch nautischen Siegessäule – einen Beleg für ein Seegefecht im I. Punischen Krieg liefern und damit den Gesamtkonflikt bezeugen kann.12 Als wesentlicher Grund für die geringe Aussagekraft dieser sonst so starken römischen Überlieferungstradition muss angeführt werden, dass sich ein ausgeprägtes Inschriftenwesen in lateinischer Sprache erst unter und nach Augustus voll entwickelt hatte und zur Zeit der untersuchten Auseinandersetzung noch kein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur war.13 Darüber hinaus wäre die existenzbedrohende Niederlage in unmittelbarer Nähe der "ewigen Stadt" auch sicher kein geeigneter Gegenstand für eine Quellenvariante, die im Besonderen der Würdigung, Repräsentation und Reminiszenz diente. Das Fehlen karthagischer Inschriften kann eventuell mit der weitgehenden Zerstörung der Stadt im Jahr 146 v. Chr. erklärt werden.14 Sollten Inschriften zu Hannibals Sieg überhaupt bestanden haben, so wären sie sicher vorrangige Ziele einer Tilgung durch die römischen Eroberer gewesen. Ausgrabungen an der Stätte brachten bis heute jedenfalls keine der gesuchten Zeugnisse ans Tageslicht.15 Bleibt zuletzt das oft aussagekräftigste Forschungsfeld: Die Grabungen an der historischen Stätte selbst. Aber auch diese Wissenschaft kann das Erkenntnisinteresse nicht zufriedenstellen. Zwar konnten Reste einer Siedlung auf die Zeit des dritten vorchristlichen Jahrhunderts datiert und als römisches Cannae identifiziert werden, die dort aufgefundenen Gräber wurden allerdings dem Mittelalter zugeordnet.16 Der genaue geographische Ort des Kampfes ist weiter völlig umstritten und noch immer unerforscht.17

Um das Ergebnis bis zu diesem Punkt zusammenzufassen: Es sind ausschließlich antike historiographische und literarische Schöpfungen, die uns überhaupt Einblick in die Schlacht von Cannae gewähren. Mit Blick auf die Eigenschaften dieser Werke entstehen sofort Zweifel an der Unerschütterlichkeit der eingangs genannten – stets gleichen – Darstellungen, die sich alle auf einen einzigen Bürgen beziehen: Polybios. Diese Überlegungen fordern in einem zweiten Schritt eine gründliche Aufarbeitung der Überlieferungstraditionen mitsamt der dazugehörigen Forschungsgeschichte.

Vor einer genaueren Beschäftigung mit Polybios‘ Cannae selbst gilt es, alle vorhandenen Werke in ihrer zeitlichen Distanz zur Schlacht einzuordnen und damit die jeweiligen Standorte in der Überlieferung deutlich zu machen. Mit Polybios entstand die erste, heute noch vollständig erhaltene, Darstellung um 160 v. Chr. und damit zwei Generationen nach dem Kernereignis der Untersuchung.18 Livius muss dann schon in der frühen Kaiserzeit19 – gänzlich ohne eigenen republikanischen Bezug – verortet werden, während Appian erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts und damit mehr als dreihundert Jahre später über Cannae zu schreiben beginnt.20 Dementsprechend entstammten die drei verfügbaren Historiographen teils völlig andersartigen politischen Realitäten und waren ihrerseits auf ältere Quellen angewiesen. Von diesen Ursprungsquellen ist heute lediglich das Werk des Quintus Fabius Pictor fragmentarisch überliefert. Besonders bedauerlich ist, dass die wiederentdeckten Informationen kurz vor der Schlacht von Cannae abbrechen, da der Geschichtsschreiber im II. Punischen Krieg persönlich gegen Hannibals Truppen gekämpft und darüber berichtet hatte.21 Aus karthagischer Sicht lagen ursprünglich Zeugnisse eines Sosylos, Silenos oder Muttines vor, die allerdings bisher nicht ansatzweise rekonstruiert werden konnten.22 Wichtig ist hier ein Bewusstsein dafür, dass weder Polybios oder Livius, noch Appian selbst an der Schlacht teilgenommen hatten, ihre jeweiligen Lebensumstände und Erfahrungshorizonte deutlich von jenen um 216 v. Chr. abwichen und die vorhandenen Quellen bereits selektiv verwendet wurden.23

Die Rezeptionsgeschichte, deren sichere Abgrenzung von den ursprünglichen Quellen schon für die Antike kaum möglich scheint, belastet als weitere Hypothek die ohnehin diffizile Quellenlage und verdient daher noch einmal besondere Berücksichtigung. Hierzu muss bis in die Entstehungszeit der modernen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert zurückgegriffen und auf die Phänomene Philhellenismus, Klassizismus und später Historismus verwiesen werden, ohne die bestimmte Entwicklungen und wissenschaftliche Urteile nicht zu erklären sind.24 In diese – mit den genannten Stichworten kurz umrissene – Phase und Geisteshaltung fiel das Schaffen Theodor Mommsens, der 1855 von Polybios als einem der "hervorragendsten Männer"25 sprach und damit – aus seiner philhellenischen Perspektive – den Griechen unter den drei relevanten Autoren von vornherein in Bedeutung und Stellung über die anderen erhob. Diese ersten, stark an ereignisgeschichtlichem Interesse orientierten Urteile wirken mit solcher Vehemenz nach, dass sie quasi unverändert über die Vertreter der borrussischen Kriegsgeschichte26 bis heute weiterbestehen und selten hinterfragt wurden.27 Polybios ist ihr erster Historiker der römischen Antike.

Livius hingegen wird ein eigenständiger Entwurf der Schlacht meist abgesprochen, er wird lediglich als Ergänzung zu den "Historien" und zu diesen in einer direkten inhaltlichen Abhängigkeit gesehen.28 Dazu gesellt sich zuletzt Appian. Er wird üblicherweise mit völliger Ablehnung bedacht, weist sein Cannae-Entwurf doch kaum Schnittmengen mit den beiden Vorgängern auf. In vielen Publikationen wird dieses Werk überhaupt nicht berücksichtigt oder fällt mit kurzem Hinweis auf die Abweichungen schon vor einer eigentlichen Quellenkritik aus der Analyse heraus.29

Allein die Problematisierung der Quellenlage zeigt, wie viel weniger belastbar die Fundamente vieler Rekonstruktionen zu Cannae sind, als es manch etablierte Interpretation oder lange Forschungstradition zunächst vermuten ließe.

Wenn im Folgenden besonderes Augenmerk auf die "Historien" des Polybios gelegt wird, so bedeutet dies keine positive Wertung bezüglich Relevanz oder Verlässlichkeit dieser Schlachtenbeschreibung. Das Gegenteil ist der Fall. Die Legitimität der ständig vorgenommenen – völlig unkritischen – Favorisierung des polybianischen Werkes soll kritisch hinterfragt werden.

 

Literalität, Stilisierung, Intention – Polybios und sein Cannae

Die feste Einbindung der drei Schlachtenbeschreibungen in einen größeren dramaturgischen Zusammenhang ist ein weiterer Teil der Schlussfolgerungen aus der skizzierten Quellenkritik. Wie die Autoren mit ihrer eigenen Zeit und Lebenswirklichkeit verwoben waren, so waren es alle Schilderungen zu Cannae mit der Gesamtkonzeption der jeweiligen römischen Universalgeschichte. Durch die Dekonstruktion literarischer Stellen soll nun die Methode der Gattung Historiographie illustriert werden, um so die Problematik der bisherigen Forschungstradition aufzuzeigen.

Bemerkenswert ist, dass diese Perspektive auf die Quellen bereits in einer sehr frühen Phase einmal aufgegriffen wurde und im Anschluss für lange Zeit in Vergessenheit geriet. Friedrich Cornelius hat mit seinem Beitrag "Cannae. Das militärische und das literarische Problem"30 bereits 1932 auf gewisse Unwägbarkeiten im Umgang mit Polybios und Livius hingewiesen. Allerdings – und hierin liegt der entscheidende Unterschied zur vorliegenden Abhandlung – verstand der deutsche Althistoriker die von ihm als "literarisch" erkannten Stellen wie Chiffren, mit deren Entschlüsselung letzten Endes doch wieder auf Fakten des Jahres 216 v. Chr. geschlossen werden könne. In der Folge werden die auffälligen Passagen aber eher als Spiegel der jeweiligen Entstehungszeit und Verfasserintention analysiert. Stefan Gerlinger hat mit seiner "Römischen Schlachtenrhetorik"31 einen wesentlichen Grundlagenbeitrag hierfür geliefert. Gewissermaßen kann dieses Kapitel als Brückenschlag von Cornelius zu Gerlinger betrachtet werden, da es die Ansätze des Erstgenannten weiterverfolgt und justiert, während es im Sinne des Letztgenannten ein republikanisches Ereignis untersucht.

In der Schilderung des so oft als "Historiker" ausgezeichneten Polybios findet sich ab dem Ansatzpunkt der Konsulnwahl32 für 216 ein auffälliges Motiv, welches sich bis zum Untergang des römischen Aufgebots durch seine gesamte Darstellung zieht: der Antagonismus zwischen den neuen Konsuln Lucius Aemilius Paullus und Gaius Terentius Varro.33 Im Lob der bisherigen Verdienste des Paullus zunächst noch sehr dezent angelegt, erfährt der Gegensatz im Verlauf eine immer weitere Steigerung.34 Der überlegt und weise agierende Aemilier geriet – hier immer nach den Angaben der "Historien" – schon bald mit dem hitzköpfigen, militärisch unerfahrenen Varro über einen geeigneten Ort für die Schicksalsschlacht in Streit, was "das Verderblichste [sei], was es irgend geben kann".35 Alle Warnungen des zweiten Konsuls in den Wind schlagend, ließ sich Gaius Terentius Varro letztlich sogar von einer unbedeutenden Provokation der Reiterei Hannibals zur eigentlichen Schlacht von Cannae – im kavalleriegünstigen und damit für die römischen Legionen nachteiligen Gelände – hinreißen. Und auch im Moment der soldatischen Bewährung bleibt kein Zweifel an seiner Unfähigkeit: "Die Numider […] richteten bei der Eigentümlichkeit ihrer Kampfesweise weder etwas Bedeutendes aus noch hatten sie ihrerseits viele Verluste […]"36 und nicht einmal gegen diese minderwertige Hilfstruppe konnte Gaius etwas ausrichten, mehr noch, gegen Ende des Kampfes floh er sogar feige vor dieser Gruppierung, während Paullus im Handgemenge – dem großen Hannibal und seinen Eliteverbänden unmittelbar gegenüber – tapfer fechtend sein Leben für Rom ließ.37

Werden dieser Schilderung aber weitere Quellen zum späteren Werdegang des Gaius Terentius Varro gegenüber gestellt, so wird offenbar, dass dieser nach Cannae weiterhin zahlreiche herausgehobene Ämter übertragen bekam.38 Damit besteht ganz klar ein Widerspruch zu der äußerst negativen Stilisierung durch Polybios, denn die Weiterverpflichtung eines gänzlich unfähigen Befehlshabers hätte sich Rom in den immer noch existenzbedrohenden Folgejahren sicher nicht aufgebürdet. Es kommt daher unweigerlich die Frage nach der Intention dieses Erzählmusters auf. Neben dem bereits als typisch identifizierten Bild des ambivalenten Führungspaares können hier zwei weitere Beweggründe angeführt werden.39 Polybios selbst kam nach dem III. Makedonischen Krieg als Geisel nach Rom und bewegte sich fortan in Kreisen der Aemilier, Paullus‘ Geschlecht. Er soll Scipio Africanus beraten und gelehrt haben und stand damit in direktem Kontakt und Abhängigkeitsverhältnis zu einem unmittelbaren Verwandten des Lucius Aemilius Paullus.40 Es kann daher kaum verwundern, wie die aufgezeigte Rollenverteilung zu Stande kam. Zu den beiden genannten Aspekten muss noch der für Polybios eigentlich entscheidende Punkt hinzugefügt werden: Als pragmatischer Geschichtsschreiber konnte er seine Warnungen, Lehren und Beobachtungen für Militärs und führende Politiker am besten durch das Verhalten seiner beiden Protagonisten vermitteln. Er schuf sich hier mit Paullus den Prototyp eines idealen Feldherrn, der durch seinen negativen Konterpart noch zusätzlich an Wirkung gewinnt. Zur Durchsetzung dieser Intention setzt sich der Autor hier – entsprechend dem Genre – ganz bewusst über die vermutlich völlig anders gelagerten Realitäten hinweg und erschafft sich eine geeignete Vorlage.

Das Grundanliegen der militärischen Belehrung findet durch die Feldherrenreden noch deutlicheren Eingang in diese Schrift. Im vorliegenden Fall wendet sich Paullus in einer sehr ausführlichen Rede an seine Truppen und legt detailliert die Gründe für das bisherige Scheitern gegenüber Hannibals Verbänden sowie die aktuellen Rahmenbedingungen dar. Alle negativen Faktoren – getrennter Einsatz der Legionen, Verwendung unerfahrener Soldaten, Kampf gegen eine unbekannte Fechtweise und Verwendung ausgelaugter Truppen in den Schlachten – seien als Fehler erkannt und abgestellt worden. Mehr noch: Die Bedingungen hätten sich für Cannae geradezu ins Gegenteil verkehrt, weshalb ein römischer Sieg nun unausweichlich sei.41

Warum kann diese Rede als literarische Stilisierung gelten? Abgesehen von der einfachen physikalischen Unmöglichkeit, eine große Menge Truppen ohne Hilfsmittel akustisch zu erreichen, entspricht dieses Stilmittel seit den klassisch-griechischen Schöpfungen von Herodot oder Thukydides schlicht den Lesererwartungen und musste integraler Bestandteil einer jeden vollständigen Schlachtenbeschreibung sein.42 Das schlagende Argument ergibt sich dann aus dem Vergleich mit der Ansprache Hannibals auf der Gegenseite: Die beiden Elemente stellen exakt ineinander passende Entsprechungen dar und sind dramaturgisch diametral angelegt.43 Diese literarische Synchronisierung ist ebenfalls ein typisches Merkmal der antiken Historiographie an sich und findet sich bereits bei den frühesten bekannten Vorläufern. Die Intention zur Gestaltung der Reden führt Polybios an anderer Stelle in seiner römischen Geschichte sogar selbst weiter aus:

"Was hat es für den Leser für einen Wert […] von Kriegen, Schlachten, Belagerungen und Versklavungen von Städten zu berichten, wenn sie nicht auch die Ursachen erfahren, die jeweils zum Sieg oder zur Niederlage führten?"44

Diese Äußerung deckt sich mit dem Inhalt der Ansprachen. Deshalb kann geschlossen werden, dass hier nicht der historische Paullus zu seinen Truppen, sondern Polybios zu seinen Lesern spricht und ihnen in aller Kürze eine zusammenfassende Einschätzung und subjektive Bewertung der bisherigen militärischen Vorgänge im II. Punischen Krieg liefert.

Nach weiteren universalgeschichtlichen Exkursen und Stilisierungen45 muss unbedingt der wohl berühmteste Baustein, der "Halbmond von Cannae", einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Bemerkenswert ist dabei zuallererst, dass dieser Ausdruck in nur einem Paragraphen bei Polybios bezeugt ist und dabei nicht von einem Halbmond der gesamten Aufstellung, sondern von einer "halbmondförmige[n] Vorwölbung"46 des Infanteriezentrums die Rede ist. Militärisch kann eine solche Formation generell kaum als sinnvoll oder koordinierbar angenommen werden, weshalb – wenn überhaupt – das Vorziehen einiger Verbände in Keilformation, wie von Livius geschildert, eher glaubhaft erscheinen mag.47 Generell ist aber fragwürdig, ob diese Besonderheit wirklich bestanden hat oder ob sie nicht ebenfalls eine nachträgliche Stilisierung gewesen ist. Gerade Appian, der sich als Einziger ausdrücklich auf die früheste Quelle beruft, erwähnt nichts von einer solchen – doch sehr auffälligen – Eigenheit der Gefechtsaufstellung und zeichnet ein ganz anderes Bild des Kampfes.48 In seiner "Hannibalica" nutzen die Karthager geschickt das Gelände, lösen das große Treffen in mehrere Einzelgefechte auf und siegen vor allen Dingen durch die Anwendung von Kriegslisten.49

In der unmittelbaren Schlachtschilderung von Polybios findet sich dann eine weitere Inkonsistenz, die Zweifel an der Stichhaltigkeit der Aussagen aufkommen lässt: Zum einen soll die Schlacht vollkommen nach Hannibals Kalkül verlaufen sein, zum anderen muss Hasdrubal aber mehrere Male korrigierend in den Ablauf eingreifen, um die Voraussetzungen für einen Sieg tatsächlich zu schaffen. Auch hier wird die inhaltliche Schlüssigkeit an literarischen Nahtstellen ganz offensichtlich der Intention geopfert. Für Polybios ist die Darstellung eines selbstständig, im Sinne der übergeordneten Führung handelnden und entscheidungsfreudigen Kontingentführers in der Schlacht entscheidender, als der dadurch aufgeworfene kleine Widerspruch in der Gesamtkonzeption.50

Doch zurück zur Frage nach der Historizität oder Literalität des "Halbmondes". Verfolgt man das Werk über Cannae hinaus, so findet sich ein starkes Indiz für einen stilisierten Ablauf in den "Historien": Die Schlacht von Zama. Diese beiden entscheidenden Treffen wurden zweifellos als dramaturgische Einheit im II. Punischen Krieg aufgefasst und vom gebürtigen Peloponnesier nach einem üblichen Muster synchronisiert, um dies dem Leser unmissverständlich anzuzeigen. 202 v. Chr. waren es in Nordafrika dann Hannibal, der sich auf seiner numerischen Überlegenheit ausruhte, und Scipio, der eine besondere Aufstellung in Schachbrettform mit "Elefantengassen"51 ersann. Darüber hinaus besaßen diesmal die römischen Legionen die dreifach stärkere – nach Polybios schlachtentscheidende – Reiterei.52 Die Ausgangslage der Römer und Karthager von 216 wurde hier also ins Gegenteil verkehrt. Im Gesamtkontext erscheint der "Halbmond von Cannae" jetzt als geradezu notwendiges Balance-Element zum "Schachbrett von Zama". Polybios erhebt damit auch die Kreativität zu einer notwendigen Eigenschaft eines fähigen Feldherrn. Der Leser kommt durch die gewählte Erzählung weiterhin zu dem Schluss, dass die Römer letztlich über Karthago siegen konnten, da sie aus begangenen Fehlern gelernt hatten und nun militärisch flexibel agierten. Eine methodisch-didaktische Lehreinheit par excellence!

Ein letztes auffälliges Muster ist die Bewertung der numidischen Reiterei, die ebenfalls auf Grundlage seiner eigenen Zeilen als eine rhetorische Figur des Polybios entlarvt werden kann. Dieser Verband stellte in Apulien auf karthagischer Seite den Großteil der Kavallerie und war mit Sicherheit eine entscheidende Formation. Wie bereits für den Konsuln-Antagonismus zitiert, stellte Polybios in Paragraph 116 fest, dass diese Truppe "bei der Eigentümlichkeit ihrer Kampfesweise weder etwas Bedeutendes"53 ausrichtete, noch große Verluste aufwies. Diese Äußerung steht geradewegs in Widerspruch zu einem unmittelbar nach Cannae gezogenen Fazit des Griechen:

"Zum Sieg der Karthager hatte diesmal wie früher am meisten die Menge ihrer Reiterei [also die Numider!] beigetragen. Dadurch wurde für die Nachwelt der Beweis geliefert, daß es für die Entscheidung im Kriege besser ist, halb soviel Infanterie, aber die völlige kavalleristische Überlegenheit zu haben, als mit völlig gleichen Streitkräften dem Feinde gegenüberzustehen."54

Neben einem Hinweis auf die Funktion der bereits erläuterten Varro-Stilisierung55 helfen die späteren Ausführungen des Werkes zur Schlacht von Zama bei der Klärung der eben aufgezeigten Inkonsistenz in der Bewertung der Reiterei. Nur durch das Überlaufen der Reiter des Numider-Königs hatte der römische Befehlshaber Scipio in Zama 202 v. Chr. eine wesentliche Überlegenheit im Bereich der Kavallerie, welche ihm letztlich zum Sieg über Hannibal verhalf.56 Da die Schlacht den Ausgang des gesamten Krieges beeinflusste, stand Polybios nun vor dem Problem, einerseits seine militärischen Schlüsse weitergeben zu wollen, anderseits aber die entscheidende Rolle im Ringen zweier ‘Weltmächte‘ nicht einer – zumindest so wahrgenommenen – minderwertigen Hilfstruppe zusprechen zu wollen. Er entschied sich daher, die Kampfkraft dieser Formation schon bei Cannae verbal zu reduzieren, obwohl dies dort nicht nahtlos eingebettet werden konnte und es dadurch als literarische Schöpfung auffällig wird. Auf diese Weise konnte er aber für Zama wiederholt und gänzlich ungestört auf die allgemeine Wichtigkeit der Berittenen eingehen, da durch die zuvor konstruierte negative Konnotation der Numider Fragen nach deren Bedeutung effektiv unterdrückt werden. Polybios erwähnt diese Verbände bei der Analyse des Gefechts mit keiner Zeile mehr.

So bestätigen die hier untersuchten Textstellen – neben vielen weiteren – den Eingangsverdacht, dass die polybianische Tradition schlicht zu abgerundet, in sich zu schlüssig und dramaturgisch zu perfekt in einen größeren Kontext eingewoben ist, als dies den damaligen Realitäten entsprechen könnte. Polybios hat vieles seiner pragmatischen Intention untergeordnet und den militärischen Lehrwert an oberste Stelle gerückt. Seine Schilderung zeigt ein Cannae, das – als reines Schaustück – militärisch in einer idealtypischen Weise für Hannibal verlaufen ist. Gemäß seiner antiken Zielsetzung gilt die Schlacht noch heute vielen als Meisterstück der Taktik und wird bis in unsere Gegenwart hinein weiter rezipiert. Auf mehr hätte ein pragmatischer Geschichtsschreiber nicht hoffen können. Damit muss Polybios aber unbedingt als Historiograph und nicht als Historiker gesehen werden! Die ständige Heranziehung des ‘Protokollanten Polybios‘ für ereignisgeschichtliche Fakten ist nach den bisherigen Feststellungen höchst problematisch und ohne kritische Kommentierung schlicht unzulässig, da hier ein Grundstock an historischen Ereignissen durch bestimmte Genre-Traditionen und Lesererwartungen stark überformt wurde.57 Stilisierung, Intention und Literalität unterscheiden sich in den Quellen oft deutlich – vergleicht man für Cannae etwa Polybios mit Livius58 oder Appian59 –, doch sind sie immer sehr ausgeprägt und gegenüber der faktischen Historie sogar vorrangig.

Alle drei Cannae-Entwürfe sind dennoch wertvolle Quellen zur Methode und Entwicklung der römischen Historiographie, zu ihren Autoren mitsamt deren Lebenswirklichkeiten und gesellschaftlichen Verhältnissen. Einer belastbaren Ereignisgeschichte hingegen stehen aufgrund der schwierigen Quellenlage zur Schlacht derzeit unlösbare Probleme im Wege, die bisher allerdings kaum thematisiert wurden.

 

Rezeption – Schlieffen und sein Cannae

Da sich die Geschichtswissenschaft schon lange über eine reine Ereignisgeschichte und Rankes Dogma – "wie es eigentlich gewesen ist"60 – hinaus entwickelt hat, schaden die bisher gezogenen Schlüsse einer weiteren Beschäftigung mit dem Komplex Cannae in keiner Weise. Im Gegensatz zu einer wenig gewinnbringenden Rekonstruktion des genauen historischen Verlaufs der Schlacht von Cannae ist die dazugehörige Rezeptionsgeschichte deutlich besser greifbar, nicht minder bedeutend und in ihren Wirkungslinien bis ins Hier und Jetzt nachvollziehbar.

Nach dem bisherigen Befund war Cannae lediglich im ‘Kielwasser‘ umfassender Universalgeschichten oder Vitae konserviert worden und nie selbstständiger Gegenstand eines speziellen Interesses. Dies sollte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts grundsätzlich ändern, als eine junge historische Disziplin genau jenes Ziel mit großen Anstrengungen verfolgte, das am Ende des vorigen Kapitels als nicht erreichbar verworfen wurde. Die borrussische Kriegsgeschichte war ein Bestreben, der zivilen Geschichtswissenschaft und ihren Methoden den Krieg als Analyseobjekt zuzuführen, was zuvor ein ausschließliches Privileg der Militärs gewesen war. Die Grundlagenwerke von Hans Delbrück61 und Johannes Kromayer62 – auf Basis Mommsens63 früherer Arbeiten – nutzen dabei geschickt antike Gefechte, um keinen offenen Konflikt mit den Kriegsakademien heraufzubeschwören, der bei Arbeiten zu zeitgenössischen Gefechten gewiss aufgekommen wäre. Da sie aufgrund ihres ausgeprägten Interesses an Fakten selbstverständlich Zahlen und ein abgerundetes Protokoll für handfeste Ergebnisse benötigten, verwundert die Heranziehung des polybianischen Werkes kaum.

An diese ersten wissenschaftlichen Monographien knüpfte eine private Arbeit an, die im deutschsprachigen Raum bis heute die Schlacht von 216 v. Chr. untrennbar mit einem preußischen Offizier verbindet: die Cannae-Analyse des Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Schlieffen.64 Der Generalstabschef soll darin die Grundinspiration für seinen "Schlieffen-Plan"65 entdeckt und daraus ein Dogma der Vernichtungsschlacht geformt haben, das von der kaiserlich-deutschen Armee über die Reichswehr bis in die Kesselschlachten des Zweiten Weltkriegs gewirkt haben soll.66

Auch in aktuellen althistorischen Monographien wird immer wieder "die große Cannae-Studie des preußischen Generalstabschefs"67 als tragfähigste Säule der jüngeren Rezeption genannt. Ein kritischer Blick in die "Gesammelten Schriften" Schlieffens zeigt erstaunlicherweise auf, dass die Untersuchung des Kampfes gerade drei Seiten in Anspruch nimmt, während lediglich die Kapitelüberschrift "Cannae" auf weit über 200 Seiten verweist.68 Eine weitere Auswertung des Inhalts klärt diesen Sachverhalt umgehend: Schlieffen stellte die antike Schlacht sehr verkürzt und im Wesentlichen auf Grundlage Delbrücks - und damit Polybios' - dar und nutzte nur den letzten Teil für eine eigene Zusammenfassung der grundlegenden Erkenntnisse.69

"Eine vollkommene Vernichtungsschlacht war geschlagen, bewunderungswürdig besonders dadurch, daß sie allen Theorien zum Trotz mit einer Minderheit gewonnen war. […] Der schwächere Hannibal hat aber, wenn auch unziemlicherweise, konzentrisch gewirkt, und nicht nur auf den beiden Flügeln, sondern sogar gegen den Rücken des Feindes umgangen [sic]. Waffen und Kampfesart haben sich seit 2000 Jahren völlig geändert. […] Die großen Schlachtbedingungen sind indes unverändert geblieben. [Das] Wesentliche ist, die Flanken einzudrücken. […] Vollendet wird die Vernichtung durch einen Angriff gegen den Rücken des Feindes. Hierzu ist in erster Linie die Kavallerie berufen. Sie braucht nicht ‘intakte Infanterie‘ zu attackieren."70

Aus diesem Zitat kann viel erarbeitet werden, was nach Auffassung der vorliegenden Untersuchung bei Schlieffen lange Zeit falsch verstanden oder fehlinterpretiert worden ist. Gleich zu Beginn nutzt er den Ausdruck "Vernichtungsschlacht", von dem später die eingangs genannte These vom "Konstrukteur der Kesselschlachten" abgeleitet wurde. Zu bedenken ist hier, dass Schlieffen die Erfahrungen der modernen Kriegsführung – wie sie ab dem Ersten Weltkrieg voll offenbart werden sollten – noch nicht verinnerlicht haben konnte und auch die ideologische Indoktrinierung der folgenden Dekaden nicht erfahren hatte. Deshalb ist es höchst wahrscheinlich, dass er die "Vernichtung" des römischen Aufgebotes aus militärisch-analytischer Perspektive feststellte, dahinter aber keine gezielte Geisteshaltung stand.71 Die Parallelisierung "eines Cannaes" mit einer Vernichtungsschlacht im Sinne des Ersten oder gar Zweiten Weltkrieges kam erst nach seinem Tode 1913 zu Stande.

Weiterhin hielt Schlieffen fest, das zentrale Element eines Sieges sei der tief in die gegnerische Flanke getragene Angriff. Ihm maß er, über alle epochalen Unterschiede hinweg, eine schlachtentscheidende Bedeutung zu. Mit der Aussage, die Reiterei solle im Rücken "nicht ‘intakte Infanterie‘ attackieren"72, kann nur gemeint sein, dass lediglich in der Flucht begriffene oder anders in Unordnung geratene Truppenteile auf große feindliche Verluste hoffen lassen. Nach Auffassung des Feldmarschalls dient das Vorgehen hinter der eigentlichen Front demnach einer – sich eventuell ergebenden – absoluten Vollendung des Sieges, ist aber kein zuvor planbares Element. An dieser Stelle den geistigen Ursprung späterer Kesselschlachten, mit vollständigem Einschluss von Divisionen oder gar Armeen anzulegen, wird daher abgelehnt.

Auch die zunächst sonderbar anmutende Kapitelüberschrift "Cannae" gewinnt aus obigem Zitat ihre Legitimation. Das Paradigma Cannae wird als eine Art Urschlacht vorangestellt, in der ein Feldherr alle Register militärischen Könnens perfekt gezogen hatte und an der sich aus diesem Grunde Gefechte der Neuzeit sowie Schlieffens Schlüsse selbst messen mussten. Es kann nicht angenommen werden, dass ein derart geschulter und felderprobter General erst von Cannae lesen musste, um die ausgeführten Schlüsse zu ziehen und erst dadurch ein strategisches Problem der Kriegsführung eines ganzen Nationalstaates zu lösen. Vielmehr wird er jahrelange Erfahrungen aus Manövern und Kriegen hierin wiedererkannt und sich daher das antike Treffen als eingängiges Meisterstück für Taktikschulungen zurechtgelegt haben. Mit der Verlagerung taktischer Wahrheiten auf eine antike Schlacht entsprach er dem Zeitgeist, und mit der Wahl Cannaes unterstrich er noch einmal die Genialität der historiographischen Blaupause. Ein ganz ähnliches Fazit zog Generalleutnant Friedrich von Rabenau:

"Wir Deutschen werden unter klassischer Strategie das verstehen, was uns Feldmarschall Graf Schlieffen als Extrakt der Kriegsgeschichte in seiner Generalstabsschulung, in seinen Lehren, insbesondere in seiner Tendenzstudie 'Cannae' übermittelt hat. Es sind die ewigen Grundwahrheiten aller Kriegskunst, die wirklich eine Kunst ist. Diese Wahrheiten gelten, solange Feldherren Heere führen, und sie werden gelten. […] [Diese] Grundlehren [sind] oft vergessen, falsch verstanden, vom Geröll der Zeitumstände verschüttet. Immer findet einer zu ihnen zurück: der Sieger."73

Damit ist – ganz im Sinne des antiken Geschichtsschreibers – die Intention des Generalfeldmarschalls treffend beschrieben. Richtig ist, dass die "Cannae-Manie"74 deutscher Militärs tatsächlich bis in den Zweiten Weltkrieg fortwirkte und der Name der Schlacht später – parallel zur Weiterentwicklung der Waffensysteme und operativen Konzepte – mehr und mehr zu einer Floskel und zu einem Synonym für eine tatsächliche, ideologische Vernichtungsschlacht wurde. Von Rommel ist für Nordafrika in einem Brief von 1941 der Ausspruch bezeugt: "Es wird ein modernes 'Cannae' werden."75

 

Schlussbemerkung

Zur Schlacht von Cannae stehen lediglich Quellen einer einzigen Gattung, der antiken Historiographie, und dazu aus völlig unterschiedlichen römischen Perspektiven und Epochen zur Verfügung. Eine Möglichkeit des Abgleichs dieser historiographischen Schöpfungen mit anderen Überlieferungen ist derzeit gegeben, weshalb die Faktenlage – nicht zuletzt aufgrund der besonderen Genreeigenschaften dieser Werke – nicht sicher zu klären ist. Durch eine vom jeweiligen Zeitgeist getragene, reiche Rezeptionsgeschichte etablierte sich dennoch eine Meistererzählung, die ein geradezu unerschütterlich homogenes Bild von Cannae suggeriert und bisher kaum hinterfragt wurde. Gerade hier offenbart sich die Stärke einer unvoreingenommen Quellenkritik, auf deren Grundlage die bisherige Überlieferungspraxis problematisiert werden konnte.

Bei der Beschäftigung mit Polybios und seiner Cannae-Darstellung standen vor allem Intention, Methode und Literalität des betreffenden Ausschnittes der "Historien" im Fokus. Es konnten zahlreiche Stilisierungen identifiziert werden, die einem damals vorherrschenden pragmatischen Vermittlungsanliegen geschuldet waren. Gemäß dem historiographischen Genre beugte der Grieche die Realitäten, um Militärs und Politikern sein methodisches Taktik-Schaustück möglichst eingängig präsentieren zu können. Durch die spätere Verarbeitung dieses Entwurfs bei Schlieffen im frühen 20. Jahrhundert wird klar: Dies ist Polybios eindrucksvoll gelungen.

Dabei geht die Untersuchung keineswegs von einer bloßen Phantasterei des antiken Autors aus. Die Richtigkeit und Existenz anderer Schlachten, Persönlichkeiten oder Verträge, von denen Polybios berichtet, konnte durch Numismatik, Epigraphik, Quellenfragmente und Grabungen belegt werden, sodass hier ein ereignisgeschichtlicher Grundstock als gegeben angenommen wird. Wo allerdings im Einzelnen die Linien zwischen den Realitäten des Jahres 216 v. Chr. und den nachgewiesenen literarischen Schöpfungen verlaufen, ist ein – aufgrund der diffizilen Quellenlage – heute nicht mehr aufzulösender Komplex. Den vorhandenen Darstellungen des Schlachtverlaufs von Cannae eine weitere Rekonstruktion hinzuzufügen, erscheint daher nicht sinnvoll. Polybios muss als der ernstgenommen werden, der er war: ein begnadeter Historiograph. Als solcher, nicht etwa als Historiker, ist er in einer Reihe und auf einer Ebene mit Livius und Appian zu betrachten, denen wir spätere Schriften zu Cannae verdanken.

Wie gewinnbringend es sein kann, sich bei ereignisgeschichtlich problematischen Themen auf andere Ebenen einzulassen und diese nicht – wie bei Livius‘ und Appians Cannae-Schriften so oft geschehen – einfach zu verwerfen, hat die Beschäftigung mit Schlieffens Cannae gezeigt. Im Zuge der identifizierten Meistererzählung zu Cannae wurde dieser preußische Marschall im 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum ebenso fest mit dem apulischen Gefecht verbunden, wie bisher nur der karthagische Feldherr Hannibal selbst. Aus Schlieffens längenmäßig doch überschaubaren "Cannae-Studie" haben einzelne Historiker nach dem Zweiten Weltkrieg rückblickend weitreichende Konzepte abgeleitet, die Alfred Graf von Schlieffen unter anderem sogar zum Urahn der Kesselschlachten in diesem Krieg erklärten. Nach einer sorgfältigen Durchsicht der Niederschriften können diese, bisher nicht neu kommentierten, Thesen aus den späten 1960er Jahren endgültig verworfen werden.76 Schlieffen verstand die Schlacht von Cannae als exakt das, was Polybios erdacht hatte: ein perfektes Lehrstück der Taktikausbildung. Nicht mehr und nicht weniger. Es ging ihm dabei ausschließlich um die Illustration fundamentaler militärischer Prinzipien, die er auch für moderne Gefechte zum geltenden Maßstab erhob und nicht um eine Blaupause für strategische Probleme des Kaiserreichs gegenüber Frankreich.77 Das Cannae-Paradigma wurde später durch seine einstigen Schüler weiterentwickelt, neuer Ideologie wie Technologie angepasst und ab Ende der 1930er Jahre tatsächlich mehr und mehr als reines Synonym für die faktische "Vernichtungsschlacht" genutzt.78 Dieser Paradigmenwechsel lag allerdings nicht mehr in den Händen des 1913 verstorbenen Preußen. 

 

  • 1. Karl Christ, Hannibal, Darmstadt 2003; Pedro A. Barceló, Hannibal. Stratege und Staatsmann, Stuttgart 2004.
  • 2. BBC, Hannibal. Der Alptraum Roms [89min], Großbritannien 2006; Joachim Franz u. a., Das Hannibal-Prinzip. Mutig führen, menschlich bleiben, Frankfurt a.M. 2010.
  • 3. Dieser Punkt wird in den folgenden Kapiteln ausführlich erörtert. Lediglich bei Barceló 2004 finden sich erste Ansätze einer kritischen Haltung.
  • 4. Zum I. Punischen Krieg vgl. Jochen Bleicken, Geschichte der Römischen Republik (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 2), München 1992, S. 43-46.
  • 5. Zum II. Punischen Krieg vgl. Gregory Daly, Cannae. The Experience of Battle in the Second Punic War, London u.a. 2002, S. 13.
  • 6. Detlef Wienecke-Janz u. a., Rom und der Hellenismus. 323 – 27 v. Chr. (Die Grosse Chronik Weltgeschichte, Bd. 5), Gütersloh / München 2008, S. 132f.
  • 7. Nigel Bagnall, The Punic Wars, London u.a. 1990, S. 190-195.
  • 8. Michael A. Speidel, Halbmond und Halbwahrheiten. Cannae 2. August 216 v. Chr., S. 48, in: Stig Förster u.a. (Hrsg.), Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai, München 2001, S. 48-62.
  • 9. Bleicken, Republik, S. 48f.
  • 10. Insbesondere erfolgt – noch heute – eine Berufung auf: Hans Delbrück, Das Altertum. Von den Perserkriegen bis Caesar (Geschichte der Kriegskunst, Bd. 1), 3. Aufl. Berlin 1920, Neudruck 2003, S. 364 -392. So beispielsweise bei Christ, Hannibal, S. 91.
  • 11. Christ, Hannibal, S. 173; Brian Caven, The Punic Wars, London 1980, S. 149.
  • 12. Diese "columna rostrata" erinnert an den "triumphus navalis" des Kommandeurs Duilius im I. Punischen Krieg und wird daher in der Literatur häufig als "Duilius-Rostrata" bezeichnet. Vgl. Karl-Ludwig Elvers, Der Neue Pauly 3 (1997), S. 834, s.v. Duilius.
  • 13. Alleinherrschaft des Augustus: 30 v. Chr. bis 14 n. Chr.; Vgl. Hartmut Galsterer, Der Neue Pauly 5 (1998), S. 1014f., s.v. Inschriften III-B.
  • 14. Karthago wurde im sogenannten III. Punischen Krieg nach einer Belagerung erobert und die Befestigungen geschliffen. Vgl. Klaus Zimmermann, Karthago. Aufstieg und Fall einer Großmacht, Stuttgart 2010, S. 146-156.
  • 15. Friedrich Rakob, Die internationalen Ausgrabungen in Karthago (1985), in: Werner Huß (Hrsg.), Karthago, Darmstadt 1992, S. 46-75.
  • 16. 1018 fand eine weitere Schlacht bei Cannae statt, welcher die Gräber zugerechnet werden könnten. Vgl. Horst Enzensberger, LexMA 2 (1999), S. 1436, s.v. Cannae, Schlacht von.
  • 17. Bleicken, Republik, S. 149. Hier im Besonderen die Fußnote 575 mit Hinweis auf die Publikation von Degrassi und Bertocchi zu den Grabungen bei Cannae 1961. Weiterhin: Bruno Garozzo, Der Neue Pauly 2 (1996), S. 964, s.v. Cannae. Zu den verschiedenen Vorschlägen allein für die geographische Verortung des Schlachtgeschehens: Daly, Cannae, S. 33 mit Anlage und S. 58.
  • 18. Zur Debatte um die Datierung: Boris Dreyer, Der Neue Pauly 10 (2001), S. 44, s.v. Polybios 2-C-3.
  • 19. "Ab urbe condita" wurde ab etwa 20 v. Chr. verfasst und Livius schrieb möglicherweise fast 40 Jahre an den 142 abgefassten Büchern. Ausgelegt war sein Schaffen auf ein 150bändiges Gesamtwerk, vor dessen Vollendung er allerdings verstarb. Vgl. Peter Schmidt/Manfred Fuhrmann, Der Neue Pauly 7 (1999), S. 378, s.v. Livius III-2-1.
  • 20. Domenico Magnino, Der Neue Pauly 1 (1996), S. 903f, s.v. Appianos B.
  • 21. Hans Beck, Von Fabius Pictor bis Cn. Gellius (Die frühen römischen Historiker, Bd. 1), Darmstadt 2001, S. 56.
  • 22. Entsprechende Stellen in: Pol. III,20,5; Nep. Hann. 13,3; Delbrück, Altertum, S. 388.
  • 23. "Aber gegen solche Machwerke, wie sie Chaireas und Sosylos verfaßt haben, ist es überflüssig weiter zu polemisieren." Pol. III,20,5. An diesem Zitat wird deutlich, dass bereits in der Antike vielfach eine subjektive Wertung der Quellen vorgenommen und – auf eben dieser Grundlage – ein Teil des verfügbaren Materials verworfen wurde.
  • 24. Zum Grad der neuen Antikenbegeisterung in der betreffenden Phase siehe beispielsweise: Max Kunze u.a. (Hrsg.), Antik wird Mode. Antike im bürgerlichen Alltag des 18. und 19. Jahrhunderts, Ruhpolding u.a. 2009.
  • 25. Theodor Mommsen, Von der Schlacht bei Pydna bis auf Sullas Tod (Römische Geschichte, Bd. 2), Leipzig 1855, Neudruck Darmstadt 2010, S. 3431.
  • 26. Die nachstehenden Textstellen sind Beispiele für den immensen Einfluss der frühen Forschungsgeschichte: Delbrück, Altertum, S. 388; Johannes Kromayer, Antike Schlachtfelder in Italien und Afrika (Antike Schlachtfelder. Bausteine zu einer antiken Kriegsgeschichte, Bd. 3 Abt. 1), Berlin 1912, S. 383-388.
  • 27. Eine junge anglophone Publikation, die ganz im Geiste der Werke aus Anm. 26 verfasst wurde: Robert O’ Connell, The Ghosts of Cannae. Hannibal and the Darkest Hour of the Roman Republic, New York 2010.
  • 28. Nach O‘ Connell war Livius – mangels eigener Erfahrung – gar nicht in der Lage militärische oder politische Entscheidungen nachzuvollziehen und wäre daher unbedingt auf die Vorlagen vom Range eines Polybios angewiesen. Vgl. O’Connell, Ghosts, S. 8f.
  • 29. Beispielsweise: "[…] his battle narratives leave much to be desired." Daly, Cannae, S. 25.
  • 30. Friedrich Cornelius, Cannae. Das militärische und das literarische Problem, Leipzig 1932.
  • 31. Stefan Gerlinger, Römische Schlachtenrhetorik. Unglaubwürdige Elemente in Schlachtendarstellungen, speziell bei Caesar, Sallust und Tacitus, Heidelberg 2008.
  • 32. Ab Pol. III,106.
  • 33. Dies ist ein republikanisches Zeugnis der, für die römische Historiographie so typischen, uneinigen Doppelspitze. Hierbei steht immer ein positiv konnotierter Akteur einem negativ belegten Konterpart gegenüber. Dieses Element wird in der Kaiserzeit für Vergleiche von Kaiser-Viten übernommen und transformiert. Ein "schlechter" Kaiser wird in direkten Zusammenhang mit einem "guten" Kaiser gestellt und an ihm gemessen. So beispielsweise der unfähige Marcus Aurelius Antoninus gegenüber dem hervorragenden Marcus Aurelius Severus Alexander in den Historia Augusta. Vgl. Hist. Aug. Elag. mit Hist. Aug. Alex. Sev.
  • 34. "[…] in seinem bisherigen Leben bewiesene Tüchtigkeit wie besonders wegen seiner tapferen und erfolgreichen Führung des Krieges gegen die Illyrer vor wenigen Jahren." Pol. III,107,10.
  • 35. Hier wird ein erstes Mal eine belehrende Wertung des Polybios in die Schlachtschilderung eingebettet, was im Folgenden immer weiter ausgebaut wird und dem Ziel einer pragmatischen Geschichtsschreibung entspricht. Ebd. 110,4.
  • 36. Ebd. 116,4.
  • 37. Ebd. 116,9 und 14. Die Darstellung folgte in diesem Absatz ganz den "Historien" und der dort inhärenten Wertung.
  • 38. Zum weiteren militärischen und politischen Werdegang vgl. Tassilo Schmitt, Der Neue Pauly 12/1 (2002), S. 145f., s.v. Terentius I-14.
  • 39. Vgl. Anm. 33 der vorliegenden Untersuchung.
  • 40. Karl-Ludwig Elvers, Der Neue Pauly 3 (1997), S. 178-182, s.v. Cornelius I-70.
  • 41. Pol. III,108 und 109.
  • 42. Prominente Beispiele für inszenierte Reden griechischer Historiographen sind die "Verfassungsdebatte" bei Herodot (Hdt. 3,80 bis 82.) oder die "Gefallenenrede des Perikles" bei Thukydides (Thuk. 2,35 bis 46.).
  • 43. Während auf römischer Seite – natürlich durch den besonnenen Paullus – über Familie, Vaterland, Tugend und Gründe für einen jetzt bevorstehenden Sieg berichtet wird, so soll der angriffslustige Hannibal siegessicher an die bisherigen Erfolge erinnert, die kommende Schlacht aufgrund des Geländes schon für gewonnen erklärt und den Soldaten jede Menge römischer Beute versprochen haben. Das Bild des noblen Aemiliers wird hier an dem intelligenten, aber barbarischen Hannibal weiter aufgebaut. Pol. III,111.
  • 44. Pol. XI,19a.
  • 45. Exkurse zu Kultur, Religion, Geographie oder ähnlichen Gegenständen gehören zum Kanon solcher Werke. Im vorliegenden Bericht findet sich eine ausführliche Beschreibung des Flusses Aufidus (Pol. III,110,10.) ebenso wie die Erläuterung religiöser Praktiken der Römer in Krisenzeiten (ebd. 111). Weiterhin verortet der Autor eine erste Wahrnehmung der überlegenen iberischen und gallischen Schwerter direkt in der untersuchten höchst prominenten Schlacht. Tatsächlich wurden Spatha und Gladius wohl im Lauf des 3. Jh. vor Christus aus keltiberischen Waffen adaptiert, dies war aber sicher ein längerer Prozess und nicht die Konsequenz einer einzigen römischen Niederlage. Vgl. Klaus Löcker, Das Schwert bei den Kelten. Kampfmittel und Statussymbol. Das Schwert als Waffe der Aristokratie, in: Gerfried Mandl/Ilja Steffelbauer (Hrsg.), Krieg in der antiken Welt, Essen 2007, S. 260-291; M.C. Bishop/J.C. Coulston, Roman Military Equipment. From the Punic War to the Fall of Rome, London 1993, S. 53f.; Pol. III,114.
  • 46. Ebd. 115,6.
  • 47. Liv. XXII,47,5.
  • 48. "Schließlich schickte der Senat Quintus Fabius [Pictor], den gleichen, der diese Ereignisse [von Cannae] beschrieben hat, nach Delphi […]" App. Hann. 27. Direkt im Kontext der Schlachtbeschreibung fügt der Autor diesen entscheidenden Satz an. Damit beruft sich nur Appian ausdrücklich auf eine nachweisbar existierende Urquelle. Dieser Umstand wird bei der Ablehnung dieser Überlieferung nie thematisiert.
  • 49. Die Kriegslist ist dabei aus kaiserzeitlich-römischer Perspektive äußerst negativ konnotiert und die gesamten Ausführungen zielen auf ein deutlich negativeres Hannibal-Portrait ab, als es Polybios zeichnet. Zur Schlacht vgl. App. Hann. 17 bis 27.
  • 50. Vgl. Pol. III,115,11 mit 116,5 bis 7.
  • 51. Von den römischen Plänklern sollten die berüchtigten karthagischen Kriegselefanten durch diese Gassen ins Hintertreffen gelockt und damit für die eigentliche Front der Legionen neutralisiert werden. Pol. XV,9.
  • 52. Zur Schlacht von Zama gemäß der "Historien" vgl. ebd. 5 bis 16.
  • 53. Pol. III,116,4.
  • 54. Ebd. 117,7f.
  • 55. Vgl. S. 6 und 7 der vorliegenden Untersuchung.
  • 56. Pol. XV,9,10.
  • 57. Diese Feststellung weist weit über Polybios und die anderen Werke zu Cannae hinaus. In vielen anderen Zusammenhängen der antiken Geschichtsschreibung findet sich für das 19. und frühe 20. Jahrhundert dasselbe Muster im Umgang mit antiken Schriften: Bestehen zu einem Sachverhalt mehrere Überlieferungen, so wird diejenige mit dem vermeintlich höchsten Faktengehalt als verlässlich erklärt und konkurrierende Verfasser werden durch harte Urteile diskreditiert und gänzlich verworfen. Dieser Verdacht besteht zum Beispiel für das bereits zitierte Werk des Herodot gegenüber den Ausführungen des Ktesias von Knidos, was besonders die Passagen zu den Perserkriegen betrifft. Mit dem Ansatz, der in der vorliegenden Untersuchung verfolgt wurde, könnten auch für die frühe klassisch-griechische Historiographie – die ja ohne Zweifel eine Hauptinspiration für die Nachfolger aus römischer Zeit war – neue Erkenntnisse zur Funktion und Intention der Werke gewonnen werden.
  • 58. Bei Livius spielt militärische Doktrin eine gänzlich untergeordnete Rolle. Er projiziert vor allem innenpolitische Spannungen seiner Zeit und damit einen kaiserzeitlichen Dualismus – Plebejer gegen Patrizier – in die Schlacht von Cannae, da dieser in den "Römischen Bürgerkriegen" von 133 bis 30 v. Chr. eine völlig neue Intensität gewann. Der Antagonismus Paullus-Varro ist bei Livius sogar noch ausgeprägter, dient aber hier nur der Vermittlung einer überlegenen Rolle der optimatisch-senatorischen Geschlechter – wieder durch Paullus vertreten – und keinesfalls einem militärischen Motiv.
  • 59. Appian setzt Cannae mit dem Sieg des Königs Pyrrhos I. gegen die Römer bei Asculum 279 v. Chr. gleich und warnt damit vor Siegen um jeden Preis. Aber auch hier hat die Lehrfunktion eine untergeordnete Rolle. Die Schilderung zeigt deutlicher als die beiden Vorgänger die Kriegsschrecken und psychologischen Belastungen der Soldaten. Hauptanliegen ist aber ganz klar die Diskreditierung Hannibals und der Karthager an sich. Behandelten Polybios und Livius Hannibal mit Respekt und zeichnen ein Bild eines durchaus intelligenten Feldherrn, so konstruierte Appian einen verschlagenen und äußerst negativ besetzten Oberbefehlshaber Karthagos.
  • 60. Leopold von Ranke, Sämtliche Werke, Band 33/34 , Leipzig 1885, S. 7.
  • 61. Delbrück, Altertum.
  • 62. Kromayer, Antike Schlachtfelder.
  • 63. Theodor Mommsen, Römische Geschichte (3. Bde), Leipzig 1856, Neudruck Darmstadt 2010.
  • 64. Alfred von Schlieffen, Gesammelte Schriften. Generalfeldmarschall Graf Alfred von Schlieffen (Bd. I) Berlin 1913.
  • 65. Mit diesem Titel werden in der militärgeschichtlichen Forschung üblicherweise erste Ansätze einer Planung für den Westfeldzug gegen Frankreich bezeichnet, die vor der realen Umsetzung im Ersten Weltkrieg von Helmuth von Moltke in konkrete Befehle überführt wurden. Zur lange etablierten Lehrmeinung und der Abänderung des ursprünglichen Konzeptes: Karl-Volker Neugebauer, Historischer Überblick (Grundzüge der deutschen Militärgeschichte, Bd. 1), Freiburg 1993, S. 209 sowie 239-241. – Vor einigen Jahren wurde durch Terence Zuber eine Debatte über den eigentlichen Charakter und die tatsächliche Tragweite der Denkschrift Schlieffens angestoßen. Die Kapitelüberschriften "Der Mythos vom Schlieffenplan" und "There was a Schlieffen Plan. Neue Quellen" geben die konträren Positionen der Debatte wieder, welche in Hans Ehlert u.a. (Hrsg.), Der Schlieffenplan. Analysen und Dokumente, Paderborn u.a. 2006 umfassend dargestellt wurde.
  • 66. Etwa: Jehuda L. Wallach, Das Dogma der Vernichtungsschlacht, Frankfurt a.M. 1967, S. 76 und 177 sowie 312.
  • 67. Christ, Hannibal, S. 94.
  • 68. Dem steht eine gesonderte Abhandlung "Der Feldherr" gegenüber, die sich ausschließlich mit dem Charakter und den Motiven Hannibals beschäftigt. Sie ist deutlich umfangreicher und wird durch Schlieffen in einen direkten Zusammenhang mit Hindenburg gestellt.Vgl. Schlieffen, Gesammelte Schriften, S. 3-10 sowie 11-22.
  • 69. Es handelt sich mit Sicherheit nicht um eine wissenschaftliche Studie. Die Ergebnisse Delbrücks – auf die sich Schlieffen in seinem Fußnotenapparat ausdrücklich bezieht – werden lediglich zusammengefasst und in gut lesbarem, packendem Stil wiedergegeben.
  • 70. Schlieffen, Gesammelte Schriften, S. 29.
  • 71. Diese These wird auch durch eine Äußerung im Werk selbst gestützt: "An die Stelle von Metzeleien sind [heute] Kapitulationen getreten." Ebd, S. 29. "Vernichtung" ist noch heute – abseits aller ideologischen Einfärbungen – ein fest definierter militärischer terminus technicus. Sobald eine militärische Formation etwa 60% Verluste erlitten hat, gilt sie als "vernichtet". Diese Definition ist für Schlieffens Verständnis in seinen Zeilen zu Cannae nicht einwandfrei belegbar, doch kann es als sehr wahrscheinlich angenommen werden, dass ein Stratege seines Formates in diesen Kategorien dachte.
  • 72. Schlieffen, Gesammelte Schriften, S. 29.
  • 73. Generalleutnant Friedrich von Rabenau, zitiert nach Wallach, Dogma, S. 373. Hier wird noch einmal die methodisch-didaktische Funktion deutlich, die Schlieffen Cannae beigemessen hat.
  • 74. Ebd. S. 177.
  • 75. Generalfeldmarschall Erwin Rommel, zitiert nach ebd., S. 404.
  • 76. Wallach, Dogma, S. 76 und 177 sowie 312.
  • 77. Diese Wertung hält sich – entgegen den hier getätigten Ausführungen – noch heute in der Forschungsliteratur. "Vor allem im ersten [Krieg] sollte – nach dem Vorbild der Schlacht bei Cannae – ein schneller Vernichtungssieg erzielt werden […]." Ehlert, Schlieffenplan, S. 10.
  • 78. Zur Entwicklung des Cannae-Paradigmas etwa: Karl-Heinz Frieser, Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940, München 1995, S. 418.
Wencke Meteling

Zitierempfehlung

Benjamin S. Kolb, Das Paradigma Cannae. Zu Methode und Intention der Darstellung bei Polybios und Schlieffen, in: Portal Militärgeschichte, 2. Juni 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/kolb_paradigma. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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