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Die Fratze des Krieges

John Keegans „Face of Battle“ (fast) vierzig Jahre danach
Von: 
Andreas R. Hofmann
Cover - Face of Battle

Aus verschiedenen Gründen hatte John Keegans (1934-2012) „Face auf Battle“ das Zeug zum Instantklassiker, was die bald erschienenen Übersetzungen[1] und zahlreichen Neuauflagen nachhaltig bestätigen. Denn es war dieses Buch, das erstmals einen expliziten Schwerpunkt auf das Kriegserlebnis des einfachen Soldaten setzte und auch nachdrücklich begründete. Mit seiner Abwendung von der Operationsgeschichte aus Generalstabsperspektive legte Keegan nicht nur den Grund zu einer anthropologischen Erweiterung der Militärgeschichte, sondern trug auch wesentlich zu ihrer kulturgeschichtlichen Erneuerung bei. Werke wie diese bleiben nicht ohne Epigonen und Kritiker; doch niemand, der sich seither ernsthaft mit einer Sicht auf den Krieg „von unten“ befassen will, kommt ganz an Keegan vorbei.

Es sind die drei Fallstudien zu berühmten Landschlachten, die den anhaltenden Publikumserfolg begründeten. Hier hat Keegan seinen selbstgestellten Anspruch „to combine analysis with narrative - the most difficult of all the historian’s arts“ (S. 29) ohne Zweifel eingelöst. Mit der geschickten Verteilung auf drei Epochen und Kriege, den Hundertjährigen, die Napoleonischen und den „Großen“, bedient das Buch zugleich weitgestreute Leserinteressen und erhebt Anspruch auf die allgemeine Geltung seiner Methode. Zugleich ist es nach Auswahl der Beispiele und narrativer Perspektive dreist anglozentrisch (dabei jedoch frei von Jingoismus) - es gehörte schon damals Chuzpe dazu, auf die gleichgewichtige Darstellung der gegnerischen Seite mit dem lapidaren Hinweis zu verzichten, dies sei für den Zweck des Buches keinesfalls nötig (S. 78).

Keegans Ansatz begründete sich aus unterschiedlichen Motiven, nicht zuletzt aus dem biographischen, als langjähriger Dozent für Militärgeschichte an der Royal Military Academy Sandhurst, selbst Zivilist und ohne die persönliche Erfahrung einer Schlacht, wechselnden Generationen von Offiziersanwärtern nahebringen zu müssen, wie es sein würde, dabei zu sein (S. 15-22). Die Lehrtätigkeit an der Schnittstelle zwischen akademischer Disziplin und militärischer Praxis veranlasste Keegan auch zur kritischen Auseinandersetzung mit der Realitätshaftigkeit der konventionellen Schulung in Taktik und Strategie: Rechtecke auf Landkarten, die mal mazedonische Phalanxen, mal Panzerdivisionen symbolisierten, schienen ihm in der Tat keine adäquate Widerspiegelung der Wirklichkeit des Kriegs zu sein. Seine eigene Position definierte er in Abgrenzung sowohl von derartigen Abstraktionen der Generalstabsausbildung als auch der nach der historischen Einzigartigkeit suchenden Geschichtswissenschaft: Bei aller Verschiedenartigkeit der jeweiligen Kampfsituation, der Waffentechnik oder der Taktik müsse doch zumindest in bestimmten Hinsichten der menschliche Faktor als Konstante aufgefasst werden.

Keegan war gewiss kein Schöpfer einflussreicher Großtheorien und sollte sich später bei dem Versuch verrennen, eine ganzheitliche Kulturgeschichte des Krieges zu verfassen.[2] Aber in der mikrohistorischen Fallstudie, der kritischen Hinterfragung literarischer Topoi in Quellen und Historiographie und der sorgfältigen Rekonstruktion der Gefechtssituation nach den authentischen Eindrücken aller fünf Sinne, der individuellen Wahrnehmung des Geschehens, der Topographie des Schlachtfeldes, der Witterung und vielen weiteren, oft übersehenen Einflussfaktoren läuft er zu seiner wahren Form auf. Es ist aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar, dass Verwundung und Wundbehandlung, das Schicksal von kranken und gefangenen Soldaten damals noch kaum berücksichtigt wurden; denn mit Verwundung oder Gefangenschaft hörte der Soldat auf, seinen Zweck als Kombattant zu erfüllen und war deshalb als Objekt der hergebrachten Militärgeschichtsschreibung nicht länger von Interesse.

Auch mit der institutionengeschichtlichen Militärgeschichte mochte Keegan nicht viel anfangen; denn diese bevorzuge die Friedenszeiten, während der Krieg sie nur dabei störe, Armeen in ihrer institutionellen Entwicklung beobachten zu können. Dagegen gelte: „Battle history, or campaign history, deserves a […] primacy over all other branches of military historiography“ (S. 30). Denn schließlich hätten Armeen in der Geschichte stets zu dem Zweck existiert, Krieg zu führen. Zugleich appelliert er an einen umsichtigen Umgang mit der Darstellung von Gewalt. Vorbilder für seinen Ansatz sucht er letztlich in den von ihm so bezeichneten „battle pieces“ der großen Autoren des Realismus des 19. Jahrhunderts (Stendhal, Thackeray, Hugo, Tolstoj): ohne deren heroisierende, beschönigende oder bagatellisierende Klischees übernehmen zu wollen, warnt er andererseits vor einer „pornography of violence“, einem bei einigen modernen Militärschriftstellern eingerissenen „Zap-Blatt-Banzai-Gott im Himmel-Bayonet in the Guts“ (S. 30f).

Einige seiner interessantesten Einsichten vermittelt Keegan quasi im Vorübergehen. Z.B. liefert er eine plausible Erklärung dafür, wieso die Militärgeschichte in den anglophonen Ländern stets zum Kerncurriculum der Historiographie gehörte und sich auch großen Publikumserfolgs erfreute, während sie in den meisten kontinentaleuropäischen Ländern ein eher randständiges Dasein fristete: während die englischsprachigen Länder wegen ihrer Insellage oder Größe seit langem keinen Krieg um ihre territoriale Integrität hätten führen müssen, sei es auf dem Kontinent öfter um nichts weniger als die Bedrohung der nationalen Existenz gegangen; deshalb habe sich hier die Militärgeschichte nicht frei von massiven politischen Eingriffen und Interessen entwickeln können, dort hingegen viel früher zu einer eigenständigen akademischen Disziplin entwickelt (S. 54f).

Dies mag man für eine allzu große Vereinfachung halten. Ob man Keegans Buch nun Vorbildwirkung als mustergültiger Mikrostudie zuspricht oder eher auf seine Irrtümer, argumentativen Inkonsequenzen und methodischen Schwächen abhebt, Langeweile infolge Mangels an Diskussionsstoff verbreitet es jedenfalls nicht. Und es bleibt eine unübersehbare Tatsache, dass jene „Old, Unhappy, Far-off Things“ (mit dieser Zeile aus Wordsworths „Solitary Reaper“ überschrieb Keegan sein erstes Kapitel) bis heute in Deutschland entlegen geblieben und als militärhistorischer Gegenstand keineswegs in das Zentrum gerückt sind. Zumindest jenseits der NS-Täterforschung gibt es hierzulande eine tiefsitzende Scheu, wenn nicht gar Abscheu davor, kriegerische Gewalt zu historisieren und ihr konzeptionell wie empirisch größere Aufmerksamkeit zu widmen. Vor der Herausforderung, ja vielleicht Provokation des Keeganschen Ansatzes weichen viele lieber in die anscheinend harmloseren Gefilde der Erinnerungskultur aus.[3] Es ist aber ein großes Missverständnis anzunehmen, dass die Kultur erst dort beginnt, wo der Kampf endet.

[1]Die deutsche Übersetzung ist leider nicht ganz zuverlässig; deshalb zitiere ich im folgenden nach der Originalausgabe. Eine französische Übersetzung wurde bereits 1976 veröffentlicht; weitere Übersetzungen erschienen auf norwegisch 1979, hebräisch 1981, spanisch 1990, portugiesisch 2000, ungarisch 2000 und italienisch 2001.

[2] John Keegan, A History of Warfare, London: Hutchinson, 1993; dt.: Die Kultur des Krieges, Berlin: Rowohlt, 1995.

[3] Als jüngstes und m.E. sehr bezeichnendes Beispiel der größte Teil der Beiträge in Marian Füssel/ Michael Sikora (Hg.): Kulturgeschichte der Schlacht, Paderborn: Schöningh, 2014 (Krieg in der Geschichte; 78). Dazu demnächst meine Besprechung in der Militärgeschichtlichen Zeitschrift.

John Keegan, The Face of Battle, London: Cape, 1976, ISBN 0-224-01232-0, 352 S. dt. Erstausgabe: Das Antlitz des Krieges. Aus dem Englischen von Hermann Kusterer, Düsseldorf, Wien: Econ, 1978, ISBN 3-430-15290-9, 419 S.

dt. Taschenbuchausgabe: Die Schlacht. Azincourt 1415, Waterloo 1815, Somme 1916, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1981, ISBN 3-430-15290-9, 417 S.

dt. Neuausgabe: Das Antlitz des Krieges. Die Schlachten von Azincourt 1415, Waterloo 1815 und an der Somme 1916, Frankfurt/M., New York: Campus, 2. Aufl. 2007, ISBN 978-3-593-38324-8, 422 S., € 19,90

Cover deutsche Ausgabe
Cover deutsche Ausgabe
Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Andreas R. Hofmann, Die Fratze des Krieges. John Keegans „Face of Battle“ (fast) vierzig Jahre danach, in: Portal Militärgeschichte, 13. Januar 2015, URL: http://portal-militaergeschichte.de/hofmann_zu_keegan_face. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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