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Warum tut man sich das an?

Gedanken zum Umgang mit der Geschichte
Von: 
Stig Förster
Stig Förster in Mongolen-Outfit

I.

Als ich vor 22 Jahren meine Professur an der Universität Bern erhielt, war ich zunächst recht erstaunt. Bei der Ernennung zum Professor an der Universität Augsburg - zwei Jahre zuvor - und damit zum Beamten auf Lebenszeit hatte ich eine prächtige Urkunde mit der Unterschrift des Kultusministers erhalten und musste dann feierlich auf die bayerische Verfassung schwören. In Bern erhielt ich - nichts! Nur die schlechte Kopie eines Auszugs eines Sitzungsprotokolls des Grossen Rates, demzufolge man mich zum Professor gewählt hatte, wurde mir per Post zugestellt. Es gab keine Urkunde, keinen Eid auf eine Verfassung, nicht einmal ein Pflichtenheft. Immerhin gab dann aber Rektor Andreas Ludi im Gästehaus der Universität einen Empfang für die neuen und die scheidenden Professoren, an dem ich teilnehmen durfte.

Dieser Beginn meiner Zeit in Bern hat mir aber sehr gefallen, denn er zeigte mir, wie unbürokratisch, wie leger und wie liberal die Dinge hier gehandhabt wurden. Ich besass also die Freiheit, meine neue Aufgabe nach eigenem Gutdünken auszufüllen. Gleichzeitig empfand ich neben Freude aber auch Demut. Wenn der Kanton Bern mich fortan für meine Arbeit aus Steuergeldern fürstlich entlohnte und mir soviel Freiheiten liess, dann war dies auch eine Verpflichtung und eine grosse Verantwortung, die mir da übertragen wurde. Das konnte ja nur heissen, dass ich weniger meinen akademischen Hobbies frönen durfte, sondern mich vielmehr um die Studierenden und den wissenschaftlichen Nachwuchs kümmern sollte. Denn die Förderung dieser jungen Leute ist ja eine zentrale Funktion der Universität.

Das war mir eine Verpflichtung, die ich versucht habe auszufüllen. Und die Mühen haben sich gelohnt, weil sich das Niveau der Studierenden in Bern als sehr hoch erwies. Unter ihnen liess sich auch hervorragender wissenschaftlicher Nachwuchs rekrutieren. So machte die Arbeit einfach Spass. Wenn ich allein an unsere gemeinsamen Seminare denke, empfinde ich Stolz und Dankbarkeit. Wir konnten dabei auch schwierige und sehr komplexe Themen angehen. Noch in diesem Semester haben wir uns mit grossem Gewinn mit dem Prozess der amerikanischen Westexpansion beschäftigt. In früheren Veranstaltungen ging es etwa um die Bedeutung des Erdöls in beiden Weltkriegen, das Phänomen der Warlords, die Geschichte der Sklaverei, den Holocaust und immer wieder um Aspekte des Imperialismus. Als besonders fruchtbar erwiesen sich fachübergreifende Seminare mit anderen Kollegen, so zum Beispiel „Arbeitspsychologie und Krieg“ (Norbert Semmer), „Napoleon in Ägypten“ (Reinhard Schulze), „Theater nach dem Untergang“ - also nach dem Zweiten Weltkrieg (Andreas Kotte), „Der Zweite Weltkrieg in der Literatur“ (John Jackson), sowie „Musik und Faschismus“ (Kristina Urchuguea).

Wie Sie dieser kurzen Auflistung entnehmen können, haben wir uns immer wieder mit schlimmen, ja brutalen Dingen beschäftigt. Das heisst nicht, dass in den Veranstaltungen nicht auch gelacht wurde. Doch das Lachen blieb einem wiederholt im Halse stecken. Da ging es schon manchmal zu wie in einer Cafeteria von Unfallchirurgen, wo böse Witze den Umgang mit der grausamen Realität erträglich machen. Und damit sind wir beim Thema: Warum tut man sich das an? Oder vielleicht besser: Warum habe ich Ihnen das angetan? Im folgenden will ich versuchen, darauf eine Antwort zu geben und zu begründen, warum ich die Auseinandersetzung mit den bösen Seiten der Geschichte in unserem Fach für unerlässlich halte. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Lehre, sondern auch und gerade um die Forschung, zu der ich meinen eigenen kleinen Beitrag geleistet habe und die ich in die Lehre einbringen konnte. Für die folgende Betrachtung wird es zudem nötig sein, einen kurzen Blick auf die Geschichtswissenschaft als Ganzes zu werfen, um den Kontext deutlich zu machen, zumal nicht alle Anwesenden hier im Saal „vom Fach“ sind.

 

II.

Geschichte ist ein wunderbares Fach. Man kann in diesem riesigen Universum so unendlich viel entdecken. Jahrtausende, ganze Kulturen und Zivilisationen, aber auch die Kleinräumigkeit von Dörfern stehen der Forschung offen. Man kann zwischen verschiedenen Epochen wählen, vom Altertum bis hart an den Rand der Gegenwart. Dabei verstand sich die Geschichtswissenschaft ursprünglich als zuständig für jene Epochen und Zivilisationen, welche uns schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben - also die ominösen Quellen, deren Auswertung und Interpretation sich Historikerinnen und Historiker so gerne widmen. Doch diese enge Begrenzung ist brüchig geworden. Schon längst werden mündliche Überlieferungen erforscht, in jenem Bereich, den man „oral history“ nennt. Kürzlich aber hat uns der Prähistoriker Hermann Parzinger darauf aufmerksam gemacht, dass auch jenseits dieser Bereiche historische Forschung möglich und sinnvoll ist, ja höchst interessante und bedeutende Resultate liefert. In seinem fulminanten Werk „Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ hat er aufgezeigt, wie das Zusammenwirken verschiedener Wissenschaften ein recht konzises Bild dessen entwickeln kann, was man wohl zu unrecht als Vorgeschichte bezeichnet hat.1

Aber auch innerhalb der Geschichtswissenschaft im engeren Sinne hat sich in den letzten Jahrzehnten eine methodische Vielfalt herausgebildet, die neue Einsichten erlaubt. Die Bandbreite reicht von der Politikgeschichte über Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Gender History, Ideengeschichte bis hin zur Kultur- und Alltagsgeschichte. Auch die modernisierte Militärgeschichte findet in diesem Panoptikum ihren Platz. Es ist gerade dieser Facettenreichtum, der den Reiz der Geschichtswissenschaft ausmacht. Hier kann man wählen und sich spezialisieren. Allerdings gerät durch übertriebenes Spezialistentum die Gemeinsamkeit des Faches in Gefahr und droht der Blick für die Gesamtheit des historischen Prozesses verloren zu gehen. Am fruchtbarsten ist daher der multimethodische Zugang, der die verengte Sichtweise exklusiven Spezialistentums überwindet und die ganze Bandbreite historischer Zusammenhänge ins Visier nimmt. Dieser Zugang ist schwierig und aufwendig, verspricht jedoch interessante Resultate.

Es hat lange gedauert, bis die Geschichtswissenschaft zu derartigen Leistungen in der Lage war. Über Jahrzehnte widmete sich die Historiographie in der Tradition Leopold von Rankes den Aktivitäten der „grossen Männer“. Da stand Cäsar neben Karl dem Grossen, Napoleon und Bismarck. Diese Männer repräsentierten die Weltgeschichte, jene Geschichte, die sie angeblich selbst gemacht hatten. Doch auch in der eher kleinräumigen Schweiz wurden und werden gelegentlich immer noch sogenannte grosse Männer zu Triebkräften der nationalen Geschichte erklärt. Christoph Blocher hält hierzu gerne lehrreiche Vorträge. Gelegentlich blieben aber auch „grosse Frauen“ nicht unerwähnt. Etwa Elisabth I. von England, Katharina II. von Russland, Maria Theresia von Österreich oder auch - etwas moderner - Margaret Thatcher.

Doch eine auf das Wirken grosser Persönlichkeiten fixierte Geschichtswissenschaft hat sich längst als Sackgasse erwiesen. Der historische Prozess ist viel zu komplex, um ihn nur an einzelnen Figuren festmachen zu können. Selbst die grossen Staatslenker waren Kinder ihrer Zeit, abhängig von strukturellen Rahmenbedingungen, den zeitgenössischen und gesellschaftlich bedingten Mentalitäten, den wirtschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen, den vorhandenen Machtmitteln, der internationalen Lage und dem Zustand der Gesellschaft, die sie hervorbrachten. All diese Zusammenhänge müssen erforscht werden, um ein halbwegs sinnvolles Bild historischer Abläufe zeichnen zu können. Das heisst nun nicht, dass die historische Biographie gänzlich überflüssig geworden wäre. Ganz im Gegenteil: Gerade in den letzten Jahren ist die Biographie wieder verstärkt in Mode gekommen. Doch sie bedient sich der Ergebnisse methodisch vielfältiger Forschung und bettet die Geschichte der zu behandelnden Persönlichkeit dementsprechend in den historischen Kontext ein. Der britische Historiker Ian Kershaw hat dieses Verfahren in geradezu exemplarischer Weise in seiner zweibändigen Biographie Adolf Hitlers vorgeführt.2

Methodische Vielfalt ist also nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig. Aber die Geschichtswissenschaft sollte sich davor hüten, in Beliebigkeit zu verfallen. Derlei Tendenzen bestehen jedoch durchaus. Vor ein paar Jahren hat daher der britische Historiker Richard J. Evans in seinem Buch „In Defence of History“ vehement vor der Entpolitisierung der Geschichte gewarnt.3 Tatsächlich besteht im Zuge der sogenannten Postmoderne die Gefahr, dass die Geschichtswissenschaft sich in Feuilletonismus, Belanglosigkeit, ja sogar Geschwätzigkeit verliert. Wenn dann auch noch ein überdrehter, kaum noch verständlicher Gebrauch der Sprache hinzukommt, wird das Publikum endgültig verprellt.

Natürlich ist es legitim, sich mit allen möglichen Themen wissenschaftlich zu beschäftigen. Interessant sind ja viele Dinge, wie etwa die Freizeitaktivitäten, die Empfänge und das Sexualleben der Teilnehmer am Wiener Kongress in der Schlussphase der Napoleonischen Kriege. Adam Zamoyski hat das alles amüsant beschrieben, ohne allerdings die ernsthaften Seiten der Wiener Verhandlungen zu vernachlässigen, als zynisch um das Schicksal von Millionen geschachert und mit weiteren Kriegen gedroht wurde.4

Geschichte ist ja in der Tat keine Schönwetterveranstaltung. Sie ist vielmehr voll der Grausamkeiten, Ausbeutung, Morde, Kriege, Massenverbrechen und anderen von Menschen gemachten Katastrophen. All dies hat Rückwirkungen auf die Gegenwart und wird täglich aufs neue praktiziert, wie wir alle mit Schrecken durch die Vorgänge im Nahen Osten vor Augen geführt bekommen. So muss sich denn die Geschichtswissenschaft notwendigerweise auch mit diesen unerfreulichen Themen auseinandersetzen, wenn sie der historischen Realität gerecht werden will. Zudem erwartet das interessierte Publikum Erklärungen für diese fürchterlichen Vorgänge. Natürlich müssen nicht alle im Bereich der Geschichtswissenschaft engagierten Personen auf diesem Gebiet arbeiten. Aber irgendjemand muss es tun. Darum tue ich mir das an.

 

III.

Im Jahre 1970 schrieb der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“: „Was aber wäre Kunst als Geschichtsschreibung, wenn sie das Gedächtnis des akkumulierten Leidens abschüttelte.“5 Und er legte nahe, dass alles andere - zumal nach Auschwitz - „Hotelbilder“ seien, also Kitsch. Adorno hat hier wieder einmal sehr dick aufgetragen. Man kann ja nun wirklich nicht verlangen, dass nur noch Bilder wie Picassos „Guernica“ gemalt werden dürfen. Auch würde ich mich weigern, die geometrische Op-Art Victor Vasarelys oder die Blumenbilder Anatoli Zverevs als Kitsch abzutun. Dennoch, Adornos Feststellung hat etwas. Sie lässt sich auch auf die Geschichtswissenschaft übertragen. Es kann nicht angehen, die fürchterlichen Aspekte der Menschheitsgeschichte postmodern zu relativieren und sie als Diskurse zu verkleistern. Die Toten von Verdun, Stalingrad, Auschwitz und Hiroshima waren keine Diskurse, sondern grausame Wirklichkeit. Es ist eine Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die Erinnerung an diese Greuel wachzuhalten und die Opfer vor dem Vergessen zu bewahren.

Doch Mitgefühl, Betroffenheit und moralische Empörung reichen bei weitem nicht aus. Sie können bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Sachverhalte sogar hinderlich sein. Hier ist vielmehr eine gewisse Distanz vonnöten, schon weil man die Auseinandersetzung mit diesen Scheusslichkeiten sonst nicht ertragen kann. Die Geschichtswissenschaft muss zudem tiefer bohren, um wesentliche Fragen zu beantworten. Wer hat die Befehle gegeben und warum? Wer waren die Täter, und waren sie vielleicht nicht auch gleichzeitig Opfer? Welches waren die Bedingungen, die aus Menschen Bestien machten? Wie konnte massenhaftes Töten zur Normalität verkommen? Etwa weil das Kriegführen sich zur „militärischen Arbeit“ entwickelte, wie der deutsch-amerikanische Historiker Michael Geyer einmal festgestellt hat? Galt das auch für die Täter in den Vernichtungslagern, die wehrlose Menschen ins Gas schickten? Wie ist folgende Äusserung, die General Colmar von der Goltz im Sommer 1907 an seinen Freund General Bruno Mudra schrieb, zu bewerten? „Ich wünsche dem deutschen Vaterlande freilich von all guten Dingen zwei, nämlich völlige Verarmung und einen mehrjährigen harten Krieg. Dann würde sich das deutsche Volk vielleicht noch einmal wieder erheben und für Jahrhunderte vor moralischer Auflösung schützen.“6 War der Mann nur ein gefährlicher Spinner, oder steckte doch mehr dahinter? Handelte es sich hierbei um eine systemtypische Manifestation bedingungsloser Kriegswilligkeit, welche massgeblich zur Verursachung des Ersten Weltkrieges beitrug?

Teile der Geschichtswissenschaft setzen sich intensiv mit solchen und ähnlichen Fragen auseinander. Dabei sind ganz unterschiedliche Methoden entwickelt worden, um verschiedenen Bereichen des Phänomens organisierter Massengewalt nachzugehen. Drei dieser Themen möchte ich im folgenden etwas genauer ansprechen, auch weil sie zu meinen eigenen Forschungsbereichen gehören: Krieg, Imperialismus und Genozid. Diese Themen waren auch immer wieder Kernbestandteil meiner Lehrveranstaltungen. Mit diesen Beispielen will ich auch andeuten, dass die Wissenschaft über die Betroffenheitshaltung hinaus durchaus in der Lage ist, Erklärungen wenigstens in Teilbereichen zu liefern. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass alle Erklärungsansätze der kontroversen Debatte ausgesetzt sind. Es ist ja gerade der Disput, der Wissenschaft auf allen Ebenen so spannend macht.

 

Krieg

Die Geschichte der Menschheit ist nicht gleichbedeutend mit der Geschichte der Kriege. Doch dass Kriege eine wesentliche Rolle in der Geschichte gespielt haben, ist unbestreitbar. Schon in der Steinzeit führten Menschen auf brutalste Weise Krieg gegeneinander, wie der Paläoanthropologe Lawrence H. Keeley in seinem Buch, „War Before Civilization“ gezeigt hat.7 Und Kriege sind immer noch Teil der Realität. Dabei sind die Formen und der Charakter des Krieges höchst wandelbar. So ist der Krieg „ein wahres Chamäleon“, wie Carl von Clausewitz feststellte.8 Krieg löst jedoch beim betrachtenden Publikum nicht nur Angst und Schrecken, sondern auch eine morbide Faszination aus, wie man an den Verkaufszahlen von Büchern zu diesem Thema und an der Flut von Kriegsfilmen ablesen kann.

Krieg ist allerdings mehr als nur Schlachtgetümmel, Abenteuer und „Action“. Die Geschichte der Kriege ist viel zu ernst, um sie Möchtegern-Feldherren als Spielwiese zu überlassen. Auch reine Schlachtenbeschreibung greift viel zu kurz. Für derlei Oberflächlichkeit äusserte der britische Militärhistoriker Basil Liddell Hart schon 1937 seine Verachtung: “To place the position and trace the action of battalions and batteries is only of value to the collector of antiques, and still more to the dealer of faked antiques.”9

So bemüht sich denn die moderne Militärgeschichte, das Phänomen Krieg in seinem ganzen Facettenreichtum auszuleuchten. Dabei geht es keineswegs nur um Kriegszüge als solche, sondern auch um die Entstehung, Vorbereitung und die Folgen von Kriegen. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und vor allem die politischen Dimensionen sind hier mindestens so wichtig wie die rein militärischen Aspekte. Denn Krieg, das wissen wir seit Clausewitz, ist vor allem ein politisch-gesellschaftliches Ereignis. Krieg hat nämlich - so Clausewitz - nur eine eigene Grammatik, aber keineswegs eine eigene Logik. Letztere wird ihm von der Politik verliehen. Allerdings: Ohne Grammatik geht es auch nicht, weshalb die Geschichte militärischer Operationen unter Berücksichtigung des politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umfeldes in den letzten Jahren zu Recht zunehmend Beachtung findet. Um ein Beispiel zu geben: Im letzten Semester haben wir uns mit der Schlacht um Berlin im Jahre 1945 auseinandergesetzt. Dabei ging es natürlich auch um die militärischen Operationen, die zum Verständnis der damaligen Vorgänge zentral sind. Hinzu kamen aber so wesentliche Themen wie die Frage, warum derart viele Deutsche bis zum Letzten einen aussichtslosen Kampf führten. Oder auch, warum die sowjetische Führung bereit war, für die Eroberung der militärisch kaum noch bedeutenden Reichshauptstadt Zehntausende von Soldaten zu opfern. Auch die Hintergründe der Massenvergewaltigungen von Frauen durch die Rote Armee und anderer Greuel wurden untersucht. Allein dieses Beispiel zeigt, dass Militärgeschichte ein sehr breites Feld zu beackern hat. Es ist aber wichtig, dies zu tun, um zu verstehen, wie es zu derartigen Orgien der Gewalt kommen kann.

 

Imperialismus

Ich erspare uns an dieser Stelle, auf die zahlreichen Definitionsversuche, die endlosen theoretischen Debatten und den Streit darüber, ob dieser Begriff überhaupt angemessen ist, einzugehen. Für unseren Kontext genügt ein beschreibender Ansatz, der Imperialismus als die mehr oder weniger gewaltsame Expansion weit über den ursprünglichen Machtbereich eines Staates oder eines sozio-ökonomischen Gefüges hinaus auffasst. Das wohl bekannteste Beispiel ist die europäische Expansion seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Dabei wurden über die Jahrhunderte in globalem Massstab neue Märkte erschlossen, fremde Reiche zerstört, ganze Völkerschaften unterworfen und neuartige Staaten und Gesellschaften geschaffen. Kriege spielten auch hier eine zentrale Rolle. Ja, die europäische Expansion leitete den Prozess der Globalisierung ein, der die Grundlage für die Möglichkeit von Weltkriegen schuf. Das Phänomen des Imperialismus ist ein Paradebeispiel für die Ambivalenz des historischen Prozesses, denn es brachte sowohl unendliches Leid als auch entwicklungsmässigen Fortschritt. So wurden im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels mit unglaublicher Grausamkeit mehr als 10 Millionen Menschen von Afrika nach Amerika verschleppt, um dort unter unsäglichen Bedingungen zu schuften. Doch dieses dreckige Geschäft leistete seinen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung des westlichen Europa ebenso wie zur Entstehung neuer Ökonomien in Amerika.

Die imperialistische Aneignung der aussereuropäischen Welt brachte unterschiedliche Erscheinungsformen hervor, die von den jeweiligen Verhältnissen vor Ort massgeblich geprägt wurden. Indirekte Herrschaftsausübung gegenüber formal souveränen staatlichen Gebilden stand neben brutaler Eroberung und direkter Herrschaftsausübung. Co-Operation mit indigenen Eliten und anderen gesellschaftlichen Gruppen stand neben brachialer Gewalt und hemmungsloser Ausbeutung. Vor allem das Britische Empire erwies sich dabei als besonders erfolgreich, denn es basierte auf der „Kontinuität der Flexibilität“, wie ich einmal in einem Aufsatz schrieb.10

Häufig waren nur ein paar Soldaten, Verwaltungsfachleute und Kaufleute vor Ort tätig, um die Interessen der imperialen Macht - besonders in bevölkerungsreichen Gebieten wie Indien und China - wahrzunehmen. Doch anderswo machten sich aus Europa stammende Siedler breit, räumten die „Wildnis“ auf und schufen neue Gesellschaften. So entstanden in Amerika, im südlichen Afrika, in Australien und Neuseeland, aber auch in Sibirien Siedlergesellschaften, die das Land europäisierten und gleichzeitig neuartige Gesellschaftsformen heranreifen liessen. Der neuseeländisch-britische Historiker James Belich hat diese Migrations- und Expansionsbewegungen in seinem Buch, „Replenishing the Earth. The Settler Revolution and the Rise of the Anglo-World, 1783-1939“ grossartig beschrieben und analysiert.11 Dabei kann er sich der Bewunderung für die auf diesem Wege erreichten Fortschritte nicht erwehren. Bedauernd stellt er allerdings fest, dass indigene Völkerschaften diesem Fortschritt häufig einfach im Wege standen und deshalb verdrängt wurden. Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Die Expansion der Siedlergesellschaften war nämlich die brutalste Form des Imperialismus. Sie führte in vielen Fällen zum systematischen Völkermord, wie der australische Historiker Dirk Moses und viele andere Kollegen nachgewiesen haben.12 Neben der „Wildnis“ mussten aus der Sicht der Siedler nämlich auch die „Wilden“ verschwinden, was man anhand der Westexpansion der USA exemplarisch verfolgen kann.

 

Genozid

Das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist zweifellos der Völkermord. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Vereinten Nationen in einer Konvention den Versuch unternommen, den Begriff „Genozid“ völkerrechtlich zu definieren. Dieser Versuch ist aber so ungenau, so politisch befrachtet und weist so viele Lücken auf, dass er zu unzähligen Debatten und Neudefinitionen geführt hat. Hier ist nicht der Ort, darauf ausführlich einzugehen. Bleiben wir also beim Kern der Konvention, wonach Genozid die bewusste Absicht darstellt, eine ethnische, religiöse oder sonstwie definierte Gruppe ganz oder teilweise auszurotten, um ihre Existenz zu vernichten. Natürlich bezogen sich die Vereinten Nationen 1948 dabei vornehmlich auf den Holocaust an den europäischen Juden. Die Singularität des Holocaust war denn auch lange Zeit ein Postulat aufgeklärter Geschichtswissenschaft. Doch spätestens der Völkermord an den Tutsi in Ruanda und das genozidale Vorgehen des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha haben dieses Postulat infrage gestellt. Daraus ergab sich die Vergleichende Genozidforschung, die seit den 1990er Jahren zwar manchmal merkwürdige Blüten trieb, aber auch wichtige Erkenntnisse lieferte.

Von daher wird nun die Geschichte systematischer nach dem Phänomen des Völkermordes durchsucht. Die Wissenschaft wurde dabei mehr als fündig. Der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges ist längst wissenschaftlich gesichert, auch wenn sich die türkischen Behörden bis heute vehement gegen diese Feststellung sträuben. Auch die Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch-Südwest-Afrika ab 1904 muss als Völkermord betrachtet werden. Immer deutlicher wird zudem, dass der Siedlerimperialismus wiederholt an verschiedenen Orten der Welt zum Genozid neigte. Und selbst in Bezug auf die Alte Geschichte wird das Phänomen des Genozids nunmehr intensiv debattiert. Was war die Zerstörung Kathargos, die Ermordung bzw. Versklavung seiner Bevölkerung im „Dritten Punischen Krieg“ anderes als Völkermord? Auch Cäsars „heroischer“ Gallischer Krieg erscheint einigen Historikern inzwischen als systematischer Völkermord.

Die Vergleichende Genozidforschung war zunächst vor allem ein Kind der Politologie. Die Geschichtswissenschaft hat sich daran lange Zeit zu wenig beteiligt. Aber es gibt wohl kaum ein wichtigeres Thema, um die dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte zu erforschen. Denn die Leichen der Völkermorde liegen im Keller der Geschichte und werfen dunkle Schatten auf die Gegenwart.

 

IV.

Die Geschichte der Menschheit ist voller massenhafter Gewalt. Dies zu erforschen, ist eine wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Es ist aber nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Die Gesellschaft und die Steuerzahler finanzieren uns, damit wir ihnen Hilfestellung bei der Bewältigung von Gegenwart und Zukunft leisten. Wir sollten dies als Auftrag betrachten. Das gilt auch und gerade für die Lehre, denn die jungen Menschen, die zu uns an die Universität kommen, um dieses spannende Fach zu studieren, haben einen Anspruch darauf, dass die in unserer Gegenwart und für die Zukunft brennendsten Fragen wie Krieg, Imperialismus und Genozid angesprochen werden.

Das kann sehr bitter sein. Die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch hat das in ihrem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ folgendermassen formuliert: „Mein Buch über den Krieg möchte ich so schreiben, dass dem Leser übel wird davon, dass allein der Gedanke an den Krieg ihm grauenhaft erscheint. Irrsinnig. Dass selbst den Generälen übel wird …“13 Das muss so sein. Aber es ist eben auch unsere Aufgabe, die Hintergründe zu erforschen.

Historikerinnen und Historiker sollten allerdings nicht grössenwahnsinnig werden. Wir können nur einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen aus der Geschichte etwas lernen und ihr Verhalten vielleicht ändern. Aber diese Chance sollten wir nutzen. Manchmal lernen ja auch die Entscheidungsträger aus unseren Forschungsergebnissen. Als im Sommer 2014 die Ukrainekrise hochkochte, war die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel krank und ans Bett gefesselt. Sie nutzte die seltene Gelegenheit, etwas Zeit zu haben, um Christopher Clarks Buch über die Entstehung des Ersten Weltkrieges zu lesen. In diesem Buch wird deutlich, dass eine wesentliche Ursache für die „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ das abgrundtiefe Misstrauen und die Unfähigkeit zur ehrlichen Kommunikation zwischen den Schlüsselpersonen in den europäischen Hauptstädten gewesen war. Frau Merkel lernte daraus, dass soetwas nicht noch einmal passieren durfte und tat alles, um den Draht zu Vladimir Putin nicht abreissen zu lassen und durch Verhandlungen die Situation zu entschärfen.

Ob Frau Merkel damit auf Dauer Erfolg haben wird, wissen wir noch nicht. Aber dieser Vorgang zeigt, dass unsere Arbeit vielleicht doch nicht ganz aussichtslos ist. Unser kleiner Beitrag kann vielleicht dann doch einmal grössere Wirkung erzielen. Auch deswegen habe ich das Ihnen und mir angetan.

  • 1. Hermann Parzinger, Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, München 2014.
  • 2. Ian Kershaw, Hitler, 2 Bde., London 1998 und 2000.
  • 3. Richard J. Evans, In Defense of History, New York 1999.
  • 4. Adam Zamoyski, Rites of Peace. The Fall of Napoleon and the Congress of Vienna, London 2007.
  • 5. Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 1970, S. 387.
  • 6. Colmar von der Goltz an Bruno Mudra, 24. 8. 1907, Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg i. Br., N80/1, Nachlaß Bruno von Mudra.
  • 7. Lawrence H. Keeley, War Before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage, Oxford 1996.
  • 8. Carl von Clausewitz, Vom Kriege, hrsg. von Werner Hahlweg, 16. Aufl., Bonn 1952, S. 110f.
  • 9. Basil H. Liddell Hart, Sherman. Soldier, Realist, American, 2. Aufl., New York 1958, S. VIII.
  • 10. Stig Förster, Die Kontinuität der Flexibilität. Strategie und Praxis des britischen Imperialismus um 1800, in: Wolfgang Reinhard (Hrsg.), Imperialistische Kontinuität und nationale Ungeduld im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1991, S. 31-49.
  • 11. James Belich, Replenishing the Earth. The Settler Revolution and the Rise of the Anglo-World, 1783-1939, Oxford 2009.
  • 12. A. Dirk Moses (Hrsg.), Genocide and Settler Society. Frontier Violence and Stolen Indigenous Children in Australian History, New York 2004.
  • 13. Swetlana Alexijewitsch, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Frankfurt am Main 2015, S. 22.
Stig Förster bei der Abschiedsvorlesung an der Universität Bern
Stig Förster mit Ehefrau Alice und Jürgen Förster in der Aula der Universität Bern
Wencke Meteling

Zitierempfehlung

Stig Förster, Warum tut man sich das an?. Gedanken zum Umgang mit der Geschichte, in: Portal Militärgeschichte, 4. Juli 2016, URL: http://portal-militaergeschichte.de/foerster_gedanken. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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