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Christian Koller: Die Fremdenlegion.

Kolonialismus, Söldnertum, Gewalt 1831-1962
Von: 
Margaretha Bauer
DOI: 
10.15500/akm
Christian Koller. Die Fremdenlegion

Die französische Fremdenlegion als eine Nationen und Kulturkreise umspannende Söldnerarmee stand spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Eine wahre Flut von Autobiografien, Erinnerungsschriften, Filmen und mehr oder weniger interessensgeleiteten Berichterstattungen ist seither erschienen und führte zu einer "langen medialen Omnipräsenz der Fremdenlegion" (S. 52). Umso erstaunlicher ist das Fehlen einer soliden, wissenschaftlichen Untersuchung zu Genese, Wirkung und öffentlicher Wahrnehmung der Fremdenlegion - und das (längst) nicht nur in der deutschsprachigen Literatur. Diese eklatante Forschungslücke wurde mit dem Buch von Christian Koller, seit diesem Jahr amtierender Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich, nun souverän gefüllt

Die Darstellung Kollers begnügt sich nicht mit einer Schlachten auflistenden Ereignis- und Institutionengeschichte, sondern erzählt zugleich bildreich aus der Sicht der Akteure selbst. Eine doppelte Perspektive sowohl auf das Innenleben der Legion als auch auf deren transkulturelle Dimensionen illustriert dabei anschaulich das bislang brachliegende Potenzial für Forschungen zum Themenkomplex der Fremdenlegion. Eingebettet in die facettenreiche Erfahrungsgeschichte der Legionäre von der Gründung 1831 bis zum Ende des Algerienkriegs 1962, befasst sich Koller insbesondere mit dem einzigartigen "Erfahrungsraum" (S. 9) der Legion. Das Buch bietet damit auch vielversprechende Anknüpfungspunkte für weitergehende Forschungen auf dem Gebiet der Transnationalitäts- und Transkulturalitätsforschung.

Hauptsächlich in Nordafrika und Vietnam ausgebildet, stationiert bzw. eingesetzt, waren die Soldaten nicht nur innerhalb der Truppe in permanentem Kontakt mit Kameraden verschiedener, zumeist europäischer Nationen. Prägend für die Legionäre waren auch insbesondere Begegnungen mit AfrikanerInnen und AsiatInnen - ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu den Soldaten europäischer Nationalarmeen. Interaktion geschah sowohl im Feld beim Aufeinandertreffen mit gegnerischen Kämpfern als auch in der Zusammenarbeit mit nicht-weißen Kolonialtruppen sowie über persönliche Wirtschafts- wie Sexualbeziehungen zu Einheimischen. In französischen Diensten stehend, rekrutierten sich die Mannschaften und Unteroffiziere, im Gegensatz zur fast ausschließlich aus Franzosen bestehenden Offiziersriege, in erster Linie aus Deutschen, Schweizern, Italienern, Belgiern, Spaniern und Briten. Die soziale und nationale Zusammensetzung der Truppe veränderte sich zwar infolge wechselhafter politischer Großwetterlagen, Migrationsbewegungen, Flüchtlingswellen oder während ökonomischer Krisen, blieb in der Grundstruktur aber konstant.

Der Druck zur Rechtfertigung des eigenen Engagements in einer Söldnerarmee mag ein Grund für die immense Produktion von Ego-Dokumenten durch die Legionäre selbst gewesen sein. Hinzu kommt die gegeneinander gerichtete Propaganda zwischen Deutschland (als dem größten Rekrutierungsland) und Frankreich über die Berechtigung und den Zweck der Fremdenlegion. Hinzu kam eine stetige Nachfrage nach Abenteuer- und Schauerliteratur Europa und Amerika. Die von den Soldaten selbst als "exotisch" empfundene Umgebung fand dabei ihre Entsprechung auch in der medialen Berichterstattung über die Legion.

Durch eine Kombination dieser Memoiren, Autobiografien und Tagebücher ehemaliger Fremdenlegionäre mit Akten der Schweizer Justiz gelingt Koller ein doppelter Zugang zur Fremdenlegion. Der Eintritt in die Legion wurde in der Schweiz ab 1927 strafrechtlich verfolgt, die zahlreichen Akten dieser Verfahren bilden einen einzigartigen Fundus an Dokumenten, der von Koller nun erstmals systematisch ausgewertet worden ist. Diese mannigfaltige Quellengrundlage aus Gerichtsakten und Egodokumenten ermöglicht dem Autor eine beeindruckend ausgearbeitete Quellenanalyse anhand von insgesamt 42 Fällen von Eintritten und Leben in der Fremdenlegion.

In seinen Hauptkapiteln spürt Koller sowohl den inneren Dynamiken von Hierarchie, Disziplin, Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen in der Legion aus der Sicht der Beteiligten nach, wie auch dem Einfluss des nicht-europäischen Umfelds auf die Legion. Als besonders bedeutsam wertet Koller die Ausrichtung der Fremdenlegion auf den Imperialkrieg. Als Instrument des französischen Kolonialimperialismus förderte die Legion bei ihren Angehörigen, die in ihrer großen Mehrheit den (europäischen) Unterschichten entstammten, ein rassistisch aufgeladenes "absolute[s] Überlegenheitsgefühl" (S. 166) gegenüber der jeweiligen indigenen Bevölkerung oder nicht-weißen Kolonialtruppen - ein Denken, das zugleich als Kompensation für das geringe soziale Prestige der Legionäre in ihren Heimatländern dienten konnte. Auch der direkte Kontakt veränderte die Sicht der Mannschaften auf die Einheimischen nicht signifikant, im Gegenteil wurde eine starke "Zivilisations-Barbarei-Dichotomie" (S. 165) aufgebaut. In vielen Egodokumenten kann Koller außerdem nachweisen, dass ein Großteil der Männer ihren Eintritt in die Fremdenlegion als eine Art Strafe oder Buße für Verfehlungen in ihrem bisherigen Leben betrachtete. Verstärkt wurde der Eindruck der Söldner, durch ihre Verpflichtungen in der Legion die bislang gekannte, zivile Welt hinter sich zu lassen, von den ausgeprägten Initiationsriten beim Eintritt in die Legion. Musterung, Kahlrasur und die Fahrt nach Nordafrika zur rücksichtslosen Grundausbildung mit brutalem Drill ließen eine Rückkehr in das zivile Leben unmöglich erscheinen und fanden ihren Ausdruck nicht zuletzt in dem legionsspezifischen Phänomen des "Cafard", einem depressionsartigen, apathischen Zustand.

Selbstbild und Sinngebung innerhalb der Fremdenlegion zielten auf einen Männerbund, der Familie und Heimatland langfristig ersetzen sollte. Von einer tatsächlichen Assimilation in die französische Kultur kann dagegen keine Rede sein – so wurde beispielsweise auf die Beherrschung des Französischen nie gesteigerter Wert gelegt. Die Legionäre sollten vielmehr "bewusst nicht zu Franzosen gemacht werden" (S. 109), folglich blieb die Bezugnahme auf Ehr-, Loyalitäts- und Opferbegriffe immer selbstreferenziell bzw. an die Legion gebunden. Eine explizit eigene Identitätspolitik der Fremdenlegion erfolgte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der betonten Erinnerung an wichtige Rituale und Ereignisse in der Geschichte der Legion: die Schlacht von Camerone 1863, das Legionsdenkmal in Sidi-bel-Abbès, das Singen in der Gruppe oder die Kompanie-Weihnachtsfeiern. Diese gewissermaßen erfundenen Traditionen sollten nicht nur den Zusammenhalt der Truppe nach innen sichern, sondern auch ein positives Bild der Legion durch die mediale Präsentation nach außen vermitteln.

Der methodische Ansatz, mit dem sich Koller dem Thema Fremdenlegion nähert, erweist sich als sehr gewinnbringend, macht es dem Leser aber gelegentlich schwer, den chronologischen Faden im Auge zu behalten. Einige Wiederholungen sind aufgrund der thematischen Gliederung dabei wohl unvermeidlich. Die größte Stärke der Untersuchung bleibt - neben dem Verdienst, den ersten wirklich wissenschaftlich tragfähigen Überblick über die Genese und Entwicklung der Französische Fremdenlegion vorgelegt zu haben - die Sichtbarmachung des einzigartigen interkulturellen "Begegnungsraums" Fremdenlegion.

Margaretha Bauer

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