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Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park

Von: 
Anne Albers
Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park

Unweit der Spree im idyllischen Treptower Park liegt das sowjetische Ehrenmal, das Erinnerungsort und Friedhof für über 7000 sowjetische Soldaten ist.1 Der Gedenkort ist neben zwei weiteren Anlagen im Berliner Tiergarten und in der Schönholzer Heide in Pankow das zentrale und mit einer Fläche von 93.0000 Quadratmetern das größte sowjetische Ehrenmal in Berlin. Es wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Sowjetarmee angelegt. Die Anlage sollte an den Sieg der sowjetischen Armee über das nationalsozialistische Deutschland und an die im Kampf gegen den Faschismus getöteten sowjetischen Soldaten erinnern. Mit der Wiedervereinigung hat sich der Bund im Zwei-plus-Vier-Vertrag und dem Abkommen zur Kriegsgräberfürsorge verpflichtet, für die Erhaltung und Pflege der Gedenkanlagen Sorge zu tragen. Bis heute finden jährlich am 9. Mai Gedenkfeierlichkeiten am Ehrenmal statt, die unter anderem durch den Bund der Antifaschisten Treptow e.V.2 organisiert werden.

Entstehungsgeschichte, Bau und Gestaltung

Bereits während und vor allem am Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgten die sowjetischen Verantwortungsträger die Idee, an verschiedensten Orten Ehrenmahle in Erinnerung an den Krieg zu errichten. Für den Standort in Treptow wählte der sowjetische Militärrat per Wettbewerb 1946 den Entwurf einer sowjetischen Gruppe für die Gestaltung des Ehrenmals aus. Diesem "Schöpferkollektiv" gehörten Chefarchitekt Jakow Borissowitsch Belopski, Bildhauer Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch, Ingenieurin Sarra Samuilowna Walerius und Kunstmaler Alexander Andrejewitsch Gorpkenko an.3 Die Bauarbeiten auf der vormaligen Spiel- und Sportwiese begannen im Jahr 1947, zu einer Zeit, als die Stadt Berlin noch zu weiten Teilen in Trümmern lag.

Die bauliche Umsetzung des Ehrenmals kommt dem Aufruf in der Ausschreibung des Militärrates nach, Gedenken an die Gefallenen und die sowjetische Befreiungsmission zum Thema der Gestaltung zu erheben. Die Elemente des "Großen Vaterländischen Krieges" von 1941-1945 sind für die BetrachterInnen deutlich zu erkennen; der "Sieg über den Faschismus", die "Verteidigung der Freiheit" und die "Trauer um die Gefallenen" dominieren die Darstellung und Bildsprache. Architekt Belopski und Bildhauer Wutschetitsch setzten im Stil des sowjetischen Realismus auf eine klare Formsprache, gewaltige Dimensionen und eindringliche, schonungslose Darstellungen von Krieg und Leid. In dem Bewusstsein, dass ihr Monument wegen seiner zentralen Lage in Europa und seinen immensen Dimensionen vielbeachtet und als Exempel der sowjetischen Erinnerungskultur verstanden sein würde, war es ihr Ziel den realistischen Stil durchzuhalten und Pomp, Künstlichkeit sowie rein dekorative Elemente zu vermeiden. Die rund 40.000 Tonnen Granitstein für das Mahnmal stammen aus einem Lager bei Fürstenberg (Oder), heute Teil von Eisenhüttenstadt. Die Nationalsozialisten hatten den Stein seit den späten 1930er Jahren unter anderem in Norwegen und Schweden angekauft, er war für den Ausbau Berlins zur Reichshauptstadt Germania bestimmt. Die Sowjets führten den Stein damit einer seiner Bestimmung absolut konträren Verwendung zu. Am Bau waren auch etwa 1200 deutsche ArbeiterInnen und Berliner Unternehmen beteiligt, die Arbeiten dauerten bis zum Mai 1949. Das Ehrenmal wurde am 8. Mai 1949 unter Anwesenheit sowjetischer Militärs und deutscher Politiker feierlich eingeweiht. Am 2. September 1949 übertrug die sowjetische Militärkommandantur dem Bezirksamt Treptow die Verantwortung für die Pflege und Unterhaltung des Ehrenmals.

Rundgang über die Anlage

Die BesucherInnen betreten das Ehrenmal von der Puschkinallee oder der Straße am Treptower Park aus durch einander gegenüberliegende Rundbogenportale. Die Zugangsalleen treffen auf dem Vorplatz zusammen, hier trauert die drei Meter große Statue der "Mutter Heimat" um die gefallenen Soldaten. Unterhalb dieser Achse befindet sich ein von Bäumen gesäumtes Halbrund, der Ehrenhain. Von der Statue der "Mutter Heimat" aus erhebt sich eine von Trauerbirken gesäumte, breite Promenade bis hin zum Portal aus zwei roten Granitwänden, unschwer zu erkennen als riesige stilisierte Fahnen. Hier, am Eingang zum Hauptareal der Anlage, knien zwei Rotarmisten. Häufig werden ihnen Blumen zu Füßen gelegt. Von dieser Anhöhe aus überblicken die BesucherInnen fünf quadratische Rasenflächen auf der Mittelachse des Ehrenmals. Sie sind umrahmt von breiten Wegen aus Schmuckmosaik, an deren zwei langen, äußeren Seiten sich jeweils acht Sarkophage aus mächtigen Steinquadern erheben. Darauf befinden sich Reliefbildnisse mit Szenen aus dem "Großen Vaterländischen Krieg". Kurze Zitate Stalins an jedem Sarkophag explizieren die Aussageintention der Bildnisse. Dargestellt sind der Überfall der Deutschen auf das sowjetische Volk, die Opfer und der Verzicht aller sowjetischen Völker, die Schrecken des Krieges in der Heimat und die Unterstützung der Menschen in den Unionsrepubliken für die Armee. Ein Großteil der Reliefs zeigt Szenen aus dem Kampf an der Front, Stalins Worte skizzieren dazu den Kontext der Befreiungsmission als einer ideologischen Mission der Gleichberechtigung und Völkerfreundschaft gegen den Faschismus. Außerhalb des Mittelbereichs, unter den Platanen, befinden sich unter dem Rasen die Gräber der hier bestatteten Rotarmisten. Das Ehrenmal mahnt seine Besucher zu Demut und Gedenken, aber es bietet neben der Ehrung der Vergangenheit auch den Verweis in die Zukunft. In der Gestaltung des Ehrenmals ist bereits der Gründungsmythos der 1949 gegründeten DDR verbildlicht: die Konzeption wird dominiert von der 13 Meter großen Bronzestatue des "Befreiersoldaten", der am Kopf der Anlage im Osten platziert ist. Den linken Fuß stellt der Soldat dynamisch auf ein zerstörtes Hakenkreuz, in der rechten Hand hält er ein gesenktes Schwert. Der Kampf ist vorbei, der Sieg über Nazi-Deutschland ist errungen. Auf dem linken Arm aber trägt er ein Kind, es legt seinen Kopf an die Schulter des Soldaten. Ob das Kind eine Allegorie auf die Deutschen, nun in den Armen der Befreier, oder gar auf den Sozialismus selbst, getragen in Richtung Westen sein könnte, lässt Bildhauer Wutschetitsch offen. Ruhig stehend, mit Blick in die Ferne scheint die Statue des "Befreiersoldaten" auf die Rettung und in eine friedliche Zukunft zu verweisen. Der Soldat steht auf einem kegelförmigen Hügel (9 m Höhe, 62 m Durchmesser), der den russischen Kurganen (Massengräbern) nachempfunden ist. Im Sockel der Statue befindet sich eine Krypta, sie ist mit einem prächtigen Mosaikfries ausgestaltet und zeigt die Totenehrung durch die 16 Vertreter der sowjetischen Unionsrepubliken. Um das Monument des Soldaten ranken sich verschiedene Geschichten. Der Bildhauer selbst erklärte, die Darstellung sei keiner konkreten historischen Situation nachempfunden. Er habe das Kind, welches die Schrecken des Krieges sah, das Antlitz eines Erwachsenen geben wollen und sich an den alten Meistern orientiert. Es sind jedoch einige Geschichten von Kindsrettungen überliefert, die den Künstler inspiriert haben könnten.

Das Mahnmal als Ort des Gedenkens

Im öffentlichen Leben der DDR nahm das Ehrenmal bald eine wichtige Funktion ein. Wichtige Feiertage wie der 8. Mai ("Tag der Befreiung") oder der 7. Oktober ("Tag der Republik") wurden jährlich mit viel Aufwand und unter Anwesenheit der Politprominenz am Ehrenmal begangen. Und auch im Alltagsleben war das Ehrenmal ein verbreitetes Motiv. Die Eine-Mark-Briefmarke zeigte den Befreiersoldaten, zum 40. Jahrestag des Kriegsendes wurde 1985 eine Sondermarke aufgelegt. In der Sowjetunion zierte sein Bild die Ein-Rubel-Münze, begleitet von dem Zusatz "Sieg über das faschistische Deutschland". Zum 40. Jahrestag des Sieges veranstalteten die FDJ und die Pionierorganisation "Ernst Thälmann" einen pompösen Fackelzug mit rund 50.000 TeilnehmerInnen zum Ehrenmal, zu dem unter anderem Erich Honecker, weitere Mitglieder der Staatsführung sowie sowjetische Delegationen anwesend waren. Die "Jugend der DDR" leistete den Schwur, niemals zu vergessen und für Frieden, Fortschritt, gegen Krieg und atomaren Tod zu kämpfen. Das Ehrenmal eröffnet also noch eine zweite historische Dimension: die Geschichte der Anlage seit ihrer Entstehung bietet einen eindrucksvollen Blick in die Mechanismen und Gesellschaftsgeschichte der DDR. Dass und wie dieses Ehrenmal zu einem besonderen Ort des staatsoffiziellen Gedenkens wurde, sagt viel über die den Umgang mit Vergangenheit in der DDR. Im Januar 1990 wurde publik, dass Unbekannte am 28. Dezember 1989 das Treptower Ehrenmal geschändet hatten. Die Krypta und die Steinsarkophage waren mit antisozialistischen und rechtsextremen Parolen beschmiert worden. Am 3. Januar fand daraufhin am Treptower Ehrenmal eine Protestkundgebung statt, an der etwa 200.000 Menschen teilnahmen. 4Im Kontext der Proteste gegen das DDR-Regime sowie die Einigungsbestrebungen und der Kampagne von Seiten der SED-PDS gegen rechts waren in der Öffentlichkeit Vermutungen laut geworden, ob die Beschmierungen des Ehrenmals nicht von der Stasi selbst ausgeführt worden seien, um Zusammenhänge zwischen der Opposition und Rechtsradikalismus herzustellen. Redner auf der Veranstaltung war unter anderem Gregor Gysi, der die Notwendigkeit eines "Amtes für Nationale Sicherheit" beschwor. Als im Jahr 1994 die russischen Truppen aus dem wiedervereinigten Deutschland abgezogen wurden, wurde das militärische Zeremoniell mit Kranzniederlegungen durch Boris Jelzin und Helmut Kohl am Treptower Ehrenmal abgehalten. Das Treptower Ehrenmal ist eines der bedeutendsten sowjetischen Denkmale an den Sieg über den Nationalsozialismus. Den KünstlerInnen um Jewgeni Wutschetitsch ist es gelungen, eine dramatische und imposante Anlage von großem ästhetischen Wert zu gestalten. Der Ort bietet abseits des Berliner Großstadtgewirrs Raum zum Innehalten und lässt die BesucherInnen Schritt für Schritt seine Gestaltungsintentionen nachvollziehen. Je nach Blickwinkel können wir aus dem Ehrenmal etwas erfahren über die dargestellte Vergangenheit, aber eben auch über die Zeit, in der es entstanden ist.

Besucherinformationen

Das Ehrenmal ist jederzeit zugänglich, der Eintritt ist frei.

Referenzen:

Arbeitsgemeinschaft "Junge Historiker" des Hauses der Jungen Pioniere Berlin-Treptow unter der Leitung von Horst Köpstein, Das Treptower Ehrenmal. Geschichte und Gegenwart des Ehrenmals für die gefallenen sowjetisehen Helden in Berlin. Staatsverlag der DDR, Ost-Berlin 1980.

O.A.: Eine Gefahr von rechts? In: Der Spiegel 2/1990 vom 08.01.1990, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13496938.html (07.05.2013).

Verlag Berlin-Information (Hrsg.), Das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow. Reihe: Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1978.

Wolle, Stefan, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR. 1971–1989, Bonn 1998.

  • 1. Die Angaben zur Zahl der bestatteten Soldten sind widersprüchlich, hier wird zurückgegriffen auf die Homepage der Berliner Senatsverwaltung. http://www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/stadtgruen/friedhoefe_begra... (07.05.2013)
  • 2. Die Internetrepräsentanz des Bundes der Antifaschisten Treptow e.V. ist zu finden unter http://www.bda-treptow.de. (07.05.2013)
  • 3. Unterhalb der Terrasse am Haupteingang sind die Namen des Architekten J. B. Belopski und des Bildhauers J. W. Wutschetitsch in den Stein gemeißelt.
  • 4. Die Zahlen sind widersprüchlich und variieren in den Angaben zwischen 120.000 und 250.000 TeilnehmerInnen.
"Befreiersoldat" im Treptower Park
"Mutter Heimat"
Sarkophage
Blick über die Anlage
Fahnen
Rundbogenportal
Kirsten Moritz

Zitierempfehlung

Anne Albers, Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park , in: Portal Militärgeschichte, 13. Mai 2013, URL: http://portal-militaergeschichte.de/albers_ehrenmal. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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