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Eicke. Eine SS-Karriere

Schwerpunktbiografie des Inspekteurs der Konzentrationslager und SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Theodor Eicke. 1892-1943 (Dissertation)
Von: 
Niels Weise
Theodor Eicke besichtigt Schanzarbeiten an der Ostfront - Wikimedia

Eine „sehr knorrige, manchmal recht unbequeme, aber herrliche Persönlichkeit“. So beschrieb Heinrich Himmler im Winter 1943/44 in einer Rede vor hohen Marineoffizieren den Anfang des Jahres bei Orelka gefallenen Kommandeur der SS-Totenkopf-Division, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Theodor Eicke. Neben Sepp Dietrich und Paul Hausser sei Eicke Lehrmeister und Säule der Waffen-SS gewesen. Ein halbes Jahr später allerdings machte der Reichsführer-SS in einer Rede vor Wehrmachtsgenerälen in Sonthofen deutlich, dass für ihn das Hauptverdienst des verstorbenen SS-Generals weniger in seiner Rolle als Divisionskommandeur im Krieg, sondern vielmehr darin lag, dass er „überhaupt diese Organisation dieses verdienstvollen Niederhaltens des Untermenschen geschaffen“ habe. Himmler sprach vom Aufbau des Systems der Konzentrationslager.

Als zweiter Kommandant des KZ Dachau, dann als Inspekteur der Konzentrationslager entwickelte und prägte Theodor Eicke das nationalsozialistische KZ-System. Mit den späteren SS-Totenkopfverbänden formte er aus den KZ-Wachmannschaften einen hochideologisierten paramilitärischen Verband, der zu einer der Keimzellen der Waffen-SS werden sollte. Die aus den Totenkopfverbänden hervorgegangene SS-Totenkopf-Division, eine der wichtigsten Divisionen der Waffen-SS, führte Eicke von 1939 bis zu seinem Tod an der Ostfront im Februar 1943.

Meine von Prof. Dr. Rainer F. Schmidt betreute und im Januar 2012 unter dem Titel „Eicke. Eine SS-Karriere“ in Würzburg erfolgreich verteidigte Dissertation geht von der Forschungshypothese aus, dass zwischen Eicke und dem Reichsführer-SS ein spezifisches Verhältnis bestand, das für Eickes Karriere von entscheidender Bedeutung war und anhand dessen sich unsere Kenntnisse über die Binnenstruktur der SS erweitern lassen. Natürlich war Eickes Aufstieg in der SS auch auf sein bis 1932 bewiesenes Rekrutierungs- und Organisationstalent zurückzuführen, dennoch basiert insbesondere seine frühe Karriere in der Parteiformation vor allem auf den drei Säulen Treue, Erziehung und Verpflichtung.

Der Schlüssel der besonderen Beziehung von Eicke und Himmler liegt darin, dass Eicke Himmlers unausgegorenem romantischen Treueideal in nahezu perfekter Weise gerecht wurde. Im Frühjahr 1933 wurde Eicke im Zuge einer politischen Intrige innerparteilicher Widersacher als vermeintlich gemeingefährlich geisteskrank in einer psychiatrischen Anstalt kaltgestellt. „Was sich hier vollzog und noch weiter vollzieht, ist weiter nichts als eine ‘Tragödie der Treue’“, klagte er larmoyant in dem Entwurf eines nie abgeschickten Briefes an Heinrich Himmler. Seiner Meinung nach hatte ihn seine Treue zum Führer, zum Reichsführer-SS und zu den Vorgaben der „Bewegung“ in seine missliche Lage gebracht. Eickes Auffassung von „Treue“ war der zentrale Motor seines Agierens bis 1933 und spielte auch danach eine große Rolle. Meine Untersuchung arbeitet heraus, inwiefern der Treuebegriff, der innerhalb des Wertekanons der Schutzstaffel eine zentrale Rolle spielte, von Himmler und besonders von Eicke mit Substanz gefüllt wurde und welche Konsequenzen die unbedingte Befolgung der notorischen, pathetischen SS-Floskeln für Theodor Eicke bis 1933 hatte. Seine Karriere, sein gesamtes politisches Leben ab 1931, basierte auf seiner persönlichen Treue zu Heinrich Himmler.

Die zweite Säule des besonderen Verhältnisses von Eicke und Himmler bildet der Faktor „Erziehung“. Im Rahmen meiner Untersuchung kann nachgewiesen werden, dass Heinrich Himmler als Politischer Polizeikommandeur Bayerns bei Eickes vorübergehender Kaltstellung eine höchst ambivalente Rolle spielte, was das Bild des Reichsführers als Erzieher und „Schulmeister“ seiner SS stützt, das auch Peter Longerich in seiner Himmler-Biografie zeichnet. An Eickes vorübergehender Schutzhaft in der Nervenklinik lassen sich wie unter einem Brennglas Erkenntnisse über Himmlers Führungsstil gewinnen. Bestrafung und Bewährung waren seine wichtigsten Erziehungsmethoden gegenüber seinem Führerkorps. Es ist bekannt, dass der Reichsführer-SS sogar einen vorübergehenden KZ-Aufenthalt als „Erziehungserlebnis“ bewertete. Eickes Psychiatrieaufenthalt wurde von Himmler zu Erziehungszwecken benutzt und verlängert. Diese erzieherische Attitüde wurde zwischen März und Juni 1933 auch an Theodor Eicke exerziert, der sie später selbst gegenüber seinen SS-Männern anwandte.

Die dritte Säule des Sonderverhältnisses zwischen Eicke und Himmler bestand aus einem spezifischen Verpflichtungsverhältnis, das die Klientelismus-Theorien von Robert Lewis Koehl, Herbert F. Ziegler und Peter Black stützt, die den Nationalsozialismus und besonders die SS als neofeudales, bzw. ideologisches Klientelsystem beschrieben. Anhand der Biografie und Karriere Eickes lässt sich die große Bedeutung persönlicher Bindungen und Verpflichtungen innerhalb der SS nachdrücklich verifizieren. Als Eicke von Himmler als Kommandant des im Aufbau begriffenen Konzentrationslagers Dachau eingesetzt wurde, war ihm bewusst, dass er sich – wie schon Johannes Tuchel herausarbeitete – in einer spezifischen Bewährungssituation befand, und dass er Himmler zu Dank und bedingungsloser Loyalität persönlich verpflichtet war. Im Nationalsozialismus lassen sich für die spezifische Methode der Personalführung, Ernennungen quasi mit Bewährungsverpflichtungen zu verbinden, zahlreiche Beispiele finden. Darüber hinaus steht fest, dass sich Himmler, worauf Peter Longerich zu Recht hinwies, in der Ausbauphase der SS gezielt mit Männern umgab, die sich in einem „geradezu existentiellen Abhängigkeitsverhältnis“ zu ihm befanden. Theodor Eicke entsprach diesem Muster nahezu vollkommen.

Die Untersuchung baut auf den umfassenden Forschungen der letzten Jahrzehnte – in besonderem Maße von Charles Sydnor, jr., Tom Segev und Johannes Tuchel – zu Eicke auf und ergänzt sie. Ein Anspruch des Buches besteht darin, Informationen über Eicke zusammenzuführen, den bekannten Bildern neue Mosaiksteine hinzuzufügen, dabei tradierte kleinere Fehler zu korrigieren und so der Forschung neue Perspektiven zu öffnen.

Die Dissertation gründet auf einer breiten Quellenbasis. Unter anderem wurden Bestände des rheinland-pfälzischen Landesarchivs Speyer, des Bundesarchivs-Militärarchiv in Freiburg, des Hauptstaatsarchivs München, der amerikanischen National Archives in College Park und des Archivs des United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C., der Archive der KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg, des Instituts für Zeitgeschichte München, des Bundesarchivs Berlin-Lichterfelde, (wo sich im Bestand NS 31 mehrere Fassungen einer offiziellen SS-Biografie Eickes finden, die kriegsbedingt nie veröffentlicht wurde) und zahlreicher regionaler Archive ausgewertet. Einen für diese Arbeit zentralen und von der Forschung bislang nicht beachteten Quellenbestand bildet die Patientenakte Eickes im Archiv der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Würzburg. Eine besondere Bedeutung haben hier die Briefentwürfe, die Theodor Eicke unter der Aufsicht des Psychiaters Werner Heyde (der die Bekanntschaft mit dem früheren Patienten später für seine eigene skrupellose SS-Karriere im Euthanasieapparat nutzte) in der Psychiatrie verfasste, und die dort vermutlich zu Dokumentationszwecken archiviert wurden. Eickes autobiografische Angaben sowie die offizielle SS-Biografie und andere Quellen sind bezüglich seines Lebenslaufs notorisch unzuverlässig und widersprechen sich wiederholt.

Eine vollständige wissenschaftliche Biografie Eickes zu verfassen, ist derzeit nicht möglich, da für die Jahre vor 1909 praktisch keine Überlieferung bekannt ist. Meine Untersuchung ist daher als Schwerpunktbiografie angelegt und konzentriert sich auf die Voraussetzungen und Grundlagen von Eickes SS-Karriere, die schon lange vor der Übernahme des Kommandos über das Konzentrationslager Dachau angelegt worden waren.

Im ersten Kapitel wird die Biografie Eickes von 1892 bis zu seinem Eintritt in die NSDAP rekonstruiert. Auf der Suche nach prägenden Einflüssen werden sein zehnjähriger Militärdienst und seine Kriegsteilnahme untersucht, sein mehrfaches Scheitern beim Versuch, in den Polizeidienst übernommen zu werden, geschildert sowie das Aufkommen des Nationalsozialismus in der Pfalz unter besonderer Berücksichtigung von französischer Besetzung und Separatismus analysiert. Eickes Zeit in Ludwigshafen wird einer eingehenden Untersuchung unterzogen, weil sie neben dem Militärdienst die längste Konstante in seinem Leben bis 1933 darstellt.

Das zweite Kapitel, das seinen Eintritt in die NSDAP, SA und SS behandelt sowie den Blick auf die Wurzeln des Konflikts mit Bürckel richtet, greift mit der Überschrift „Im Vorkampf“ eine pathetische Formulierung aus Eickes SS-Biografie auf.

Kapitel Drei, Vier und Fünf rekonstruieren Eickes Karriere zwischen 1931 und 1934 anhand der Oberbegriffe Treue, Erziehung und Verpflichtung. Das zentrale Ereignis in Eickes Biografie vor 1933 war, abgesehen von seiner Dienstzeit in der Bayerischen Armee, die sogenannte Pirmasenser Bombenaffäre, die einen Schwerpunkt des Buches bildet. Im Zuge der Affäre wurde Eicke wegen der Herstellung von knapp 100 Sprengkörpern zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Es deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass der Befehl zum Bombenbau tatsächlich vom pfälzischen Gauleiter Josef Bürckel ausging und auch von Himmler gutgeheißen wurde. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf den sogenannten Legalitätskurs der NSDAP. Eickes Verhalten während der Bombenaffäre und vor allem seine mustergültige Umsetzung des SS-Treuekodexes vor Gericht trugen ihm Himmlers Hochachtung ein und legten, so eine These der Untersuchung, den Grundstein für das besondere Loyalitätsverhältnis zwischen ihm und dem Reichsführer-SS. Die Bedeutung der Affäre, die in ihrer Brisanz mit der Entdeckung der Boxheimer Dokumente zu vergleichen ist, wurde in der Forschung bisher übersehen. Die Pirmasenser Bombenaffäre war der Dreh- und Angelpunkt in Eickes früher SS-Karriere, weshalb ihrer Betrachtung viel Raum gegeben wird. Der Konflikt mit Josef Bürckel führte dann zu Eickes vorübergehender Ausschaltung als Schutzhäftling in der Würzburger Psychiatrie und wurde damit zum entscheidenden Wendepunkt seiner Karriere.

Das vierte Kapitel analysiert die Gründe, warum Himmler im Frühjahr 1933 vorübergehend das Vertrauen in Eicke verlor und belegt erstmals, dass der Reichsführer bereits frühzeitig die Möglichkeit gehabt hätte, Eicke wieder in Freiheit zu setzen, dies aber entsprechend seines abstrusen Erziehungskonzeptes bewusst nicht tat. Ein Exkurs richtet den Blick auf das symbiotische Verhältnis zwischen Eicke und dem behandelnden Psychiater Werner Heyde.

Kapitel Fünf betrachtet die Frühphase des Aufbaus des Konzentrationslagersystems und steht unter der Leitfrage der Verpflichtung. Wie erläutert, stand Eicke im Frühsommer 1933, als Himmler seinen zehnwöchigen Zwangsaufenthalt in der Würzburger Psychiatrie beenden ließ und ihn zum Kommandanten des Konzentrationslagers Dachau machte, unter erheblichem Bewährungsdruck. In Dachau schuf Eicke ein nationalsozialistisches Musterlager, dessen Lagerordnung später in allen Konzentrationslagern übernommen wurde. Mit der eigenhändigen Ermordung Ernst Röhms im Sommer 1934 bestand er seine entscheidende Bewährungsprobe.

Das sechste Kapitel, „Von Dachau nach Orelka“ beschreibt Eickes Biografie bis zu seinem Tod an der Ostfront 1943. Da dieser Zeitabschnitt schon mehrfach an anderen Stellen erschöpfend behandelt wurde, wird hier der aktuelle Stand der Forschung zusammengefasst und die Relevanz des besonderen Treueverhältnisses zwischen Eicke und Himmler noch einmal unter dem Aspekt der Belohnung mit seiner Rolle als Inspekteur der Konzentrationslager, als Mitbegründer Waffen-SS und als Divisionskommandeur im Krieg skizziert.

Das siebte Kapitel greift als Grundlagen der SS-Karriere Theodor die Faktoren Treue, Erziehung und Verpflichtung wieder auf. Es analysiert, ob sich anhand verschiedener Indikatoren im Vergleich mit dem übrigen höheren SS-Führerkorps eine überdurchschnittliche Nähe Theodor Eickes zu Heinrich Himmler erkennen lässt. In Kapitel Acht folgt eine resümierende Schlussbetrachtung. Im Anhang finden sich u.a. der bislang unbekannte 48-seitige Entwurf eines Briefes, den er aus der Würzburger Nervenklinik an Hermann Göring schrieb sowie eine Zeittafel zur Biografie Eickes.

Die überarbeitete Fassung der Dissertation ist vor kurzem unter dem Titel „Eicke. Eine SS-Karriere zwischen Nervenklinik, KZ-System und Waffen-SS“ im Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn erschienen.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Niels Weise, Eicke. Eine SS-Karriere. Schwerpunktbiografie des Inspekteurs der Konzentrationslager und SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Theodor Eicke. 1892-1943 (Dissertation), in: Portal Militärgeschichte, 13. Januar 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/Weise_Eicke. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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