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Niklaus Meier, Warum Krieg?

Die Sinndeutung des Krieges in der deutschen Militärelite 1871 – 1945 (= Krieg in der Geschichte, Bd. 73), Paderborn: Schöningh, 2012, ISBN 978-3-506-77363-0, 354 S., € 44,90 (gebunden)
Von: 
Dierk Walter

Man liest das einfach so weg. Nicht selbstverständlich für eine Qualifikationsarbeit. Aber Niklaus Meiers Buch ist präzise, flüssig und elegant geschrieben, und vor allem: Man hat das ja eigentlich schon immer gewusst: Der preußische Generalstab, die Wehrmachtführung, die Nazis – alles Kriegsverherrlicher, oder jedenfalls vorgebliche Kriegsfatalisten. "Der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ein Glied in Gottes Weltordnung" – das Wort des greisen Helmuth von Moltke des Älteren, immer wieder nachgebetet bis tief ins 20. Jahrhundert, dazu Schillers Wallenstein ("Der Krieg ist schrecklich wie des Himmels Plagen / Doch ist er gut, ist ein Geschick wie sie"), dann eine gehörige Portion Machtstaatsverherrlichung, eine Prise Sozialdarwinismus, Ideen wie Kampf als Katharsis und "lieber in Ehren untergehen": Dass die preußisch-deutsche Militärführung für die schicksalhaften Jahrzehnte von der Reichsgründung 1871 bis zum Reichsende 1945 auf diese Weise den Krieg entweder idealisiert oder jedenfalls vor sich und anderen gerechtfertigt hat, das weiß im Grunde jeder, der sich mit dieser Zeit auch nur oberflächlich befasst hat. Niklaus Meier hat über diesen Komplex bei den beiden führenden Schweizer Militärhistorikern Rudolf Jaun und Stig Förster promoviert und legt nun der Öffentlichkeit seine Studie vor, in der all das anhand eines umfangreichen und heterogenen Quellenbestandes fundiert aufgearbeitet wird.

Man fragt sich zwar, ob der Titel den Schlachtenlenkern (oder die es gern gewesen wären) von Moltke bis Hitler nicht zuviel philosophischen Anspruch zubilligt. Das "military mind" neigt nicht erst im Atomzeitalter wenig zur intellektuellen Selbstreflexion. Dass über den drei Wehrmachtgeneralen, die auf dem Cover des Bandes mit einer Schützengrabenszene unterlegt sind, der vorgebliche Selbstzweifel "warum Krieg?" schwebt, das mag man nicht so recht glauben. Und der Band zeigt es: Weniger um Kriegsphilosophie und "Sinndeutung" ging es den Herren, als um Kriegsrechtfertigung, oder anders gesagt: um die Sinngebung und Verteidigung ihres Berufes. "Darum Krieg!" wäre vielleicht ein zutreffenderer Titel gewesen – wenngleich ein "spoiler", wie man im Internetzeitalter sagen würde.

Niklaus Meier versteht seine Arbeit als Diskursanalyse, die untersucht, wie zwischen Kaiserreich und Zweitem Weltkrieg in Deutschland "Wahrheit" über den Krieg produziert wurde, wie Krieg (offiziell) verstanden und interpretiert wurde. Dazu hat er ein umfangreiches Schrifttum ausgewertet, das eigentliche Militärpublizistik (Bücher und Aufsätze) ebenso umfasst wie Kriegserinnerungen und offizielle wie interne Publikationen – allerdings fast ausschließlich gedrucktes Material, aber das ist für eine Diskursanalyse nun nicht überraschend.

Das Buch ist nach einzelnen Bedeutungsfeldern des Kriegsverständnisses der Militärelite organisiert und handelt sukzessive vom Verhältnis von Politik und Krieg (aufgehängt natürlich am bekannten Clausewitz-Diktum), vom Krieg als machtstaatliche Notwendigkeit, von der Verherrlichung des Krieges als Motor von Fortschritt und Zivilisation ("bellizistischer Diskurs"), vom Sozialdarwinismus (ein Schlagwort, dessen Reichweite, wir wissen es, stets überschätzt worden ist), von Rassenkampf und Vernichtungskrieg und vom "essentiell-apokalyptischen Kriegsdiskurs" – Sein oder Nichtsein, bis zur Heroisierung des Untergangs, die das Ende des Dritten Reiches geprägt hat. All diese Diskurse werden mit zahlreichen Zitaten untermauert und klug und kritisch analysiert. Dass es auch Offiziere gab, die anders dachten – zumindest nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges – erfährt man am Schluss knapp auf zwei Seiten. Die überzeugende Struktur des Bandes wird durch kapitelweise knappe Fazite und eine Schlusszusammenfassung unterstrichen.

Was gibt es an dieser hervorragenden Qualifikationsarbeit zu kritisieren? Nicht viel, wenn man nicht darauf verweisen möchte – was vielleicht etwas unfair wäre – dass man das eben eigentlich alles schon gewusst hat. Ja, die Schrifttumszitate hat man entweder schon irgendwie gelesen, oder man hätte sie ebenso gut gelesen haben können, angesichts der Verbissenheit, mit der sich die Topoi durch die Jahrzehnte wiederholen. Aber in dieser Weise zusammengetragen und systematisiert sind sie jedenfalls noch nicht worden, und das ist ein Verdienst in sich.

Man könnte ferner vielleicht anmerken, dass es im Wesentlichen eben eine Zitatensammlung geblieben ist – zumindest dominiert die Beschreibung ganz klar gegenüber der verbindenden Analyse, soll heißen: wo diese Denkmuster eigentlich letztlich hergekommen sind und wie und mit welchen Mitteln sie sich über die Jahrzehnte fortgepflanzt haben, darüber erfährt man weniger. Immer wieder werden zwar interpretierende Verbindungen zwischen dem Auftreten derselben Denkfigur in unterschiedlichen Epochen hergestellt, aber manchmal wird dieses Wiederauftreten auch einfach nur konstatiert. Diese Dinge allerdings wirklich zu hinterfragen, hätte eine Forschungsleistung in jedem Einzelfall erfordert, die über den Anspruch dieser Arbeit – die Diskurswirklichkeit zu zeigen – weit hinausgegangen wäre.

Und dieser Anspruch ist, um das zusammenfassend zu sagen, überzeugend eingelöst: Wie preußisch-deutsche Militärs (sich) den Krieg erklärt haben, das wissen wir nun erst einmal.

Dierk Walter, Historisches Institut, Universität zu Köln

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Dierk Walter, Niklaus Meier, Warum Krieg? . Die Sinndeutung des Krieges in der deutschen Militärelite 1871 – 1945 (= Krieg in der Geschichte, Bd. 73), Paderborn: Schöningh, 2012, ISBN 978-3-506-77363-0, 354 S., € 44,90 (gebunden), in: Portal Militärgeschichte, 17. Dezember 2012, URL: http://portal-militaergeschichte.de/WalterzuMeierWarumKrieg. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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