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Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (1914-1923) oder die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa. (Forschungskolleg)

Von: 
Werner Bergmann und Ulrich Wyrwa
Embleme antisemitischer Zeitungen in Europa im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Der Erste Weltkrieg war nicht nur für die allgemeine europäische Geschichte eine fundamentale Zäsur, sondern auch für die jüdische Geschichte in Europa. Mit dem Krieg setzte zudem eine neue Phase in der Geschichte des europäischen Antisemitismus ein, die Erfahrungen des Krieges führten vor allem in den Mittelmächten zu einer tiefgreifenden Radikalisierung der Judenfeindschaft und zu neuen Motiven in der antisemitischen Sprache.

Die Herausbildung dieses neuen extremen Antisemitismus am Beginn des Zeitalters der Extreme wird in einem am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin angesiedelten und von Professor Werner Bergmann und Professor Ulrich Wyrwa geleiteten europäischen Forschungskolleg untersucht. Durchgeführt wird dieses vorwiegend von der Einstein-Stiftung finanzierte Kolleg in Zusammenarbeit mit Professor Jörg Baberowski von der Humboldt-Universität sowie Professor Uwe Puschner von der Freien Universität Berlin. Es besteht aus sieben Dissertationsprojekten, die sich auf Ungarn (Tamas Kohut), Polen (Karolina Filipowska), Serbien/Jugoslawien (Hana Ćopić), Rumänien (Elisabeth Weber), Russland (Anastasia Surkov), Frankreich (Marie-Christin Lux) und Belgien (Yasmina Zian) beziehen, und die jeweils zusammen mit Kooperationspartnern in den entsprechenden Ländern durchgeführt werden. Darüber hinaus hat an dem Kolleg ein von der Heinrich-Böll-Stiftung finanziertes Dissertationsprojekt über Deutschland (Isabelle Daniel) sowie eine vom Leo Baeck Fellowship geförderte deutsch-französisch-jüdische Familienbiographie in der Zeit des Ersten Weltkrieges (Carl-Eric Linsler) teil. In Zusammenarbeit mit der Universität Triest wird darüber hinaus ein Projekt über Italien (Matteo Perrisinotto) und in Kooperation mit dem Centrum für Jüdische Studien Graz ein Dissertationsvorhaben über Österreich (Thomas Stoppacher) durchgeführt.

Vor dem Großen Krieg konnten zeitgenössische Beobachter durchaus und mit guten Gründen den Eindruck haben, dass die Zeit des Antisemitismus vorüber sei, dass der Abwehrkampf der Juden Erfolg gehabt habe. Und selbst beim Ausbruch des Krieges schien es in weiten Teilen Europas zunächst, dass die alten Feindseligkeiten gegen Juden überwunden werden könnten. So meldeten sich in Deutschland Juden in großer Zahl, unter ihnen selbst zionistische Juden, freiwillig zum Kriegsdienst, und sie nahmen die Versprechen von Kaiser Wilhelm II. keine Parteien und keine Konfessionsunterschiede mehr zu kennen, sondern nur noch Deutsche, ernst. Auch Juden aus den verschiedenen Teilen der Habsburgermonarchie hatten an diesem neuen Patriotismus teil, und in Frankreich schlossen sich Juden ebenfalls der Union sacrée an, so dass auch hier der Eindruck entstehen konnte, die Zeit des Antisemitismus sei vorüber.

Aufgrund der katastrophalen und traumatischen Erfahrung des Krieges schlug die Situation aber sehr bald um. Es kam in zahlreichen Ländern vor allem Mitteleuropas zu einer Radikalisierung des Antisemitismus. Eine verstärkte antisemitische Agitation und Propaganda setzte ein und eine neue gewalttätige antisemitische Praxis trat in Erscheinung.

Unmittelbar nach dem Krieg konnten Zeitgenossen zunächst wiederum einen anderen Eindruck haben. Anfangs schien es gar, als ob der Friede zu einer neuen Phase der Demokratisierung Europas beitragen könne. Für die Juden bedeutete dies, dass in den Ländern, in denen die rechtliche Gleichstellung noch immer nicht durchgesetzt war, die volle Emanzipation nun mit den neuen Verfassungen endlich erreichbar schien, wie auch in der Weimarer Republik die letzten Verwaltungshindernisse für die freie berufliche Entwicklung der Juden überwunden waren.

Gleichzeitig aber hatten die revolutionären Umwälzungen zu tiefen Verunsicherungen des bürgerlichen Mittelstandes und zu schweren Verwerfungen im Lager der zuvor herrschenden politischen Parteien geführt. Die Revolutionen in den Mittelmächten hatten konterrevolutionäre Bewegungen hervorgerufen, die zu einer nachhaltigen Verschärfung des politischen Klimas und maßgeblich zur Formierung des neuen extremen Antisemitismus beitrugen, bis es in weiten Teilen Europas zu einer Krise der neuen parlamentarischen Demokratien kam. Krieg, Revolution und Konterrevolution werden in dem Kolleg daher als unmittelbar miteinander zusammenhängende historische Phänomene betrachtet.

War der Antisemitismus schon in den Jahren seiner Entstehung als soziale und politische Bewegung von 1879 bis 1914 eine europäische Erscheinung, so vollzog sich auch diese Phase seiner Radikalisierung in Folge des Ersten Weltkrieges ebenfalls in weiten Teilen Europas. In dem Forschungsprojekt wird unter systematisch vergleichender Perspektive untersucht, in welchen Ländern und unter welchen Bedingungen es zu dieser Radikalisierung des Antisemitismus kam. Dabei wird sowohl nach den spezifischen Ausprägungen und jeweiligen nationalen Besonderheiten des extremen Antisemitismus, als auch nach den Gemeinsamkeiten und dem politischen Transfer sowie der gegenseitigen Verflechtung in diesem Radikalisierungsprozess gefragt. Zugleich wird aber in den Blick genommen, in welchen Ländern die Beziehungen von Juden und Nichtjuden sich in der Folge des Krieges eher ausgeglichen entwickelten.

Ziel des neuen Forschungsprojektes ist es zu fragen, welche neuen Motive die Sprache des radikalisierten Antisemitismus auszeichneten, welche Verbreitung etwa das neue Motiv des jüdischen Drückebergers, des Kriegsgewinnlers, Schwarzhändlers, Spions oder Verräters in den verschieden Ländern Europas hatte. Nach dem Ausbruch der russischen Revolution kamen zudem das Motiv des jüdischen Bolschewisten, und nach der Niederlage der Mittelmächte die Legende vom jüdischen Dolchstoß hinzu, wobei diese Motive sich mit dem alten Thema der Weltverschwörung der Juden mischten. Schließlich wird auch die in einzelnen Ländern ausgebrochene physische Gewalt gegen Juden unter komparativen Gesichtspunkten untersucht.

Ziel des Kollegs ist es auch, die Besonderheiten des extremen nationalsozialistischen, im Mord an den europäischen Juden kulminierenden Antisemitismus in Deutschland zu erkennen. Ausschlaggebend für diese Radikalisierung der Judenfeindschaft in Europa, so die Hypothesen, von denen das Forschungsprogramm ausgeht, waren

– erstens die traumatischen Kriegserfahrungen mit ihren verheerenden sozialen, politischen und moralischen Folgen. Den Juden wurde die Schuld sowohl für die militärischen Niederlagen an der Front als auch für die sozialen Konflikte im Inneren zugeschoben.

- Zweitens radikalisierte sich der Antisemitismus durch die revolutionären Bewegungen, an denen Juden in nicht unerheblichem Maße beteiligt waren, was wiederum Antisemiten zum Vorwand diente, den Juden die Schuld an den politischen Umstürzen zu geben und Sozialismus bzw. Bolschewismus als Erfindungen des jüdischen Geistes zu bekämpfen.

- Zugleich verschärften sich drittens vor allem in den mitteleuropäischen Ländern mit den von völkischen Gruppen und autoritären, antidemokratischen Kampfbünden getragenen Konterrevolutionen antisemitische Einstellungen. Zu den wesentlichen Trägergruppen dieses „Radikalismus der Rechten“ gehörten insbesondere jene, deren soziale und wirtschaftliche Stellung der Krieg ruiniert hatte.

- viertens führte die oft problematische Konstituierung neuer, aus dem Erbe der Habsburgermonarchie oder dem zarischen Imperium hervorgehender Staaten in Europa immer wieder zu gewalttätigen internen Konflikten sowie Grenzkriegen mit den Nachbarstaaten, von denen vielfach die vor allem in Ostmitteleuropa zahlenmäßig zum Teil bedeutende jüdische Minderheit betroffen war.

Die Dissertationsprojekte, die im Rahmen des Kollegs entstehen, sind zunächst als einzelne Länderstudien konzipiert, es wird in ihnen aber auch nach den transnationalen Prozessen und den gegenseitigen Verflechtungen der antisemitischen Diskurse gefragt. Den Abschluss des Gesamtprojektes bildet eine Monographie über die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa von 1914 bis 1923 unter europäisch-vergleichender Perspektive, die eine integrative Gesamtdarstellung über die Beziehungen von Juden und Nichtjuden in den Jahren von Krieg, Revolution und Gegenrevolution geben wird.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Werner Bergmann und Ulrich Wyrwa, Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (1914-1923) oder die Radikalisierung des Antisemitismus in Europa. (Forschungskolleg), in: Portal Militärgeschichte, 14. April 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/Bergmann_Wyrwa_Antisemitismus. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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